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Europa allein zu Hause. Drucken E-Mail
Von heute auf morgen in den eigenen vier Wänden isoliert – auf diese neuen Lebensumstände müssen sich in Europa Millionen Menschen einstellen. Und auch dort, wo die Bewegungsfreiheit noch nicht eingeschränkt ist, ziehen sich viele zurück, um die Ausbreitung der Corona-Pandemie zu verlangsamen. Journalisten ermutigen ihre Leser, das Beste aus der Situation zu machen.


Gazeta Wyborcza: Nicht alle können Sozialleben ins Netz verlagern.
Nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung sind nun besonders isoliert, erinnert Alek Tarkowski, Experte für die Soziologie des Internets, in der linksliberalen Tageszeitung:


„Wenn wir weitere öffentliche Institutionen schließen, stehen wir vor der Herausforderung, schnell online eine soziale Welt gestalten zu müssen, in der Beziehungen und soziales Kapital gepflegt werden. Wir können die Krise jedoch nicht einfach durch einen Wechsel ins Netz lösen. ... Vergessen wir nicht, dass 18 Prozent der Polen das Internet noch nie benutzt haben und einige weitere es nur sehr selten nutzen. Diesen Menschen droht eine erhebliche Isolation. Ihnen bleiben noch die Massenmedien und der Telefonkontakt mit ihren Liebsten. Sie haben jedoch keinen Zugang zu aktuellen Informationen, einem breiteren kulturellen Angebot oder Unterstützungs- und Kommunikationsnetzwerken.“

El Periódico de Catalunya:Allein sein können ist eine Tugend.
Nun zeigt sich, was Eltern in der Erziehung ihrer Sprösslinge versäumt haben, beobachtet die Schriftstellerin Lucía Etxebarria in der linksliberalen spanischen Tageszeitung:

„Die Kinder langweilen sich, heißt es. Trotz zehn TV-Zeichentrick-Kanälen, Tablets, Videokonsolen und Handys. Mit zehn Jahren. Langeweile ist die Grundlage für Kreativität und Motivation. Die Eltern, die aus der Kindheit ihrer Nachkommen ein Disneyland machen, indem sie für ständige Unterhaltung sorgen, verstümmeln sie emotional und kastrieren ihre Vorstellungskraft. ... Zu lernen, Zeit alleine zu verbringen, ist so wichtig wie der richtige Umgang mit den anderen. Denn ein gutes Alleinsein schützt vor schlechter Begleitung. Wer nicht allein sein kann, hängt sich an jeden dran, nur weil er sich selbst nicht aushält. Wer nicht allein sein kann, weiß nicht zu leben.“

Berlinske: Lest, schreibt, vermehret euch!
In der Coronakrise sieht Dänemarks liberal-konservative Tageszeitung auch eine Chance:


„Die Wartezeit im mehr oder minder selbst gewählten Heimgefängnis sollte kreativ und vernünftig genutzt werden. Man kann ja hoffen, dass diese Zeit, wie beim Ausgangsverbot während der Besatzung, in einen regelrechten Babyboom mündet. ... Man kann auch hoffen, dass diese besondere Zeit neue Kunst und Literatur hervorbringt. Vielleicht sehen wir bald einen neuen Thomas Mann, der Tod in Venedig mit der Cholera-Epidemie als Kulisse schrieb. ... Die Coronakrise wird mit großer Sicherheit zu einer größeren Einsatzbereitschaft führen, wenn in der Zukunft neue Epidemien drohen. Und man kann darauf hoffen, dass die Dänen erkennen, dass wir uns nicht von der Welt isolieren können, sondern dass wir international zusammenarbeiten müssen.“


Quelle: eurotopics Presseschau/bpb/ds/19.03.2020
 
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