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Russland: Urteil gegen Stalinforscher Dmitrijew Drucken E-Mail
Juri Dmitrijew, Leiter der Menschenrechts-NGO Memorial in Karelien, ist zu 3,5 Jahren Haft verurteilt worden. In einem sich seit 2016 hinziehenden Verfahren wurde ihm der sexuelle Missbrauch seiner Adoptivtochter zur Last gelegt. Dmitrijew hatte in Karelien Massenmorde der Stalinzeit aufgeklärt und publik gemacht. Für Beobachter ist das Verfahren klar politisch motiviert.

POLITYKA: Ein politischer Gefangener.
Polens liberales Magazin zweifelt an der Schuld des Historikers:

„Dmitrijew wird als politischer Gefangener bezeichnet. Nach Angaben von Kulturschaffenden, unter anderem der Nobelpreisträgerin Svetlana Alexievich, wird der Historiker wegen seiner Arbeit verfolgt. Seit 1988 erforscht er stalinistische Repressionen, unter anderem sucht er nach den Grabstätten der Opfer des 'großen Terrors' und versucht, die Opfer zu identifizieren.“

Radio Kommersant FM: Affront gegen alle Menschenrechtler.
Der Staat will Kritiker und Freidenker weiter abschrecken, analysiert Russlands liberal-konservatises Onlineportal:

„Unter Berücksichtigung der U-Haft kommt er schon im November frei. Unter den aktuellen Umständen kommt dies faktisch einem Freispruch gleich, forderte die Anklage doch 15 Jahre. Dies ist wohl eine Art Kompromiss angesichts der Diffusität des Falls: Die Vertreter der Staatsmacht sind nicht gekränkt und die Öffentlichkeit soll sich gefälligst wieder beruhigen. … Und doch sieht alles wie ein Versuch aus, die ganze Menschenrechtsbewegung zu kompromittieren - besonders die Organisation 'Memorial', die immer wieder im Weg steht und sich einmischt, wo man es nicht haben will. Das Hauptziel ist, den Menschen die Lust zu nehmen, etwas aufzuklären und sich mit Dingen zu beschäftigen, die dem offiziellen Blickwinkel widersprechen.“

24TV: Noch mehr Leute werden die Wahrheit wissen wollen.
Die Verurteilung betrifft auch die Ukraine, hatte doch Dmitrijew auch zur Erschießung ukrainischer Oppositioneller recherchiert, erklärt der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba auf dem Portal des Fernsehkanals:

„Dieses Urteil betrifft direkt auch uns - es ist ein Krieg gegen die Wahrheit über die Geschichte der Ukraine als ein Teil der UdSSR. … Juri Dmitriev ist ein Opfer des Bestrebens des russischen Staates, das historische Gedächtnis und diejenigen, die es schützen, zu zertreten. Doch sie werden das Gegenteil erreichen. Noch mehr Menschen werden die Wahrheit wissen wollen. Nicht nur über Dmitrijew, sondern auch darüber, was er in der Erde und in den Archiven gefunden hat.“

Quelle: eurotopics Presseschau/bpb/ds/23.07.2020
 
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