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Zweite Welle: Alles übertrieben? Drucken E-Mail
Angesichts stark steigender Corona-Infektionszahlen haben viele Regierungen wieder strengere Eindämmungsmaßnahmen angeordnet. In der Diskussion darum geht es auch um die Tonlage, in der Politik und Medien diese Maßnahmen kommunizieren. Einige Kommentatoren beobachten unnötige Panikmache, andere fordern noch deutlichere Worte.

RZECZPOSPOLITA: Jeder einzelne muss für seine Gesundheit sorgen.
Da der Staat es nicht mehr schafft, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, fordert die konservative Tageszeitung Eigenverantwortung von den Bürgern:


„Die Ineffizienz der Gesundheitsdienste ist ein Zeichen dafür, dass unser System zusammenbricht. Die Infizierten fallen immer häufiger durch dieses System und bleiben nicht mehr unter der Kontrolle des Staates, der eigentlich über die Gesundheit der Bürger wachen sollte. ... Zählen Sie nicht mehr auf den Staat, seine Beamten, Inspektoren, Politiker und diensthabenden Experten, weil diese das Virus nicht aufhalten werden! Es ist Zeit, auf sich selbst zu zählen, denn nur so kann man das Virus von seinem eigenen Zuhause, seinem eigenen Geschäft fernhalten. Niemand wird besser für sich und die Sicherheit seiner Lieben sorgen als wir selbst.“

NEPSZAVA: Behörden verspielen Vertrauen.
Ungarns linke Tageszeitung vermisst wissenschaftliche Begründungen für bestimmte Corona-Maßnahmen:


„Auf welcher Grundlage wird das Formel 1-Rennen am Hungaroring als gefährlich eingestuft, die [Fußballspiele in der] Puskás Aréna hingegen aber als ungefährlich? ... Auf politischer oder sportpolitischer Grundlage? Wenn das der Fall ist, dann wäre es schön, zu wissen, wer eigentlich in den Fragen der Pandemiebekämpfung im Namen des Gesundheitsamtes Entscheidungen trifft. ... In Ermangelung fachlicher Argumente kann man leicht zur Schlussfolgerung kommen, dass das Gesundheitsamt inkonsequent und widersprüchlich handelt, und auch selbst nicht weiß, was es macht. Damit kann es aber auch das restliche Vertrauen der Bevölkerung verspielen.“

The Daily Telegraph: Kranke trauen sich nicht mehr in Behandlung.
Der Fokus auf Covid-19 raubt den Gesundheitssystemen die Kapazität, sich um Opfer anderer Leiden zu kümmern, klagt Großbritanniens konservative Tageszeitung:

„Nie zuvor gab es eine stärkere und gleichzeitig tückischere Botschaft als 'Bleib zu Hause, schütze den [Nationalen Gesundheitsdienst] NHS, rette Leben'. Ob von der Regierung beabsichtigt oder nicht, schärfte uns dieser Slogan ein, dass Krankenhäuser Orte für Menschen mit Covid-19 sind, aber nicht für lästige Zeitverschwender mit einem Stechen, mit Schmerzen oder ungewöhnlichen Knoten. Das Ergebnis? Während Krankenhäuser mit Covid-19 zurechtkamen, wurde die Saat für zukünftige Epidemien von Krebs bis zu anderen schweren Erkrankungen gestreut.“

LA STAMPA: Die Spanische Grippe bitte aus dem Spiel lassen.
Vergleiche zwischen der heutigen Pandemie und der Zeit von 1918 bis 1920 zu ziehen, als die Spanische Grippe 20 bis 50 Millionen Todesopfer forderte, ist unzulässig, konstatiert Italiens liberale Tageszeitung:


„Die zweite Welle der Spanischen Grippe war schlimmer als die erste, weil etwas Unerwartetes geschehen war: eine Mutation des Virus, das sich unter den besonderen Bedingungen des Krieges mit der Vogelgrippe kombinierte. Darauf sind die katastrophalen Verluste der zweiten Welle zurückzuführen, der 'größte medizinische Holocaust aller Zeiten'. ... Das Sars-Cov-2-Virus aber hat sein Erscheinungsbild nicht verändert. Es hat sich nicht mit Tierviren kombiniert, es ist weder schwächer noch stärker als im Frühjahr, sagen Virologen und Infektiologen. ... Die Befürchtung, dass diese Welle von Covid-19 schlimmer sein könnte als die erste, kann folglich nicht auf dem Vergleich mit der Spanischen Grippe fußen.“

Tages Anzeiger: Beschwichtigung fördert Sorglosigkeit.
Ohne klare Ansagen der Politik werden Schutzmaßnahmen nur halbherzig umgesetzt, erläutert der linksliberale Schweizer Tages-Anzeiger:


„Paradoxerweise wird ... ein Lockdown umso wahrscheinlicher, je mehr sich die Botschaft, dass es ihn sicher nicht geben werde, in den Köpfen festsetzt. Ohne die erklärte und realistisch begründete Perspektive flächendeckender Schliessungen werden Restaurants und Gewerbebetriebe ihre Schutzkonzepte tendenziell weniger konsequent durchsetzen, werden sich Bürgerinnen und Bürger im Alltag nachlässiger verhalten. Dabei müsste jetzt alles getan werden, um die Explosion der Fallzahlen zu beenden. ... Nötig ist, dass ... jetzt endlich Klartext geredet wird. ... Es geht nicht darum, den Menschen Angst einzujagen. Wer indes einen Lockdown kategorisch ausschliesst, macht sich schlicht der Irreführung schuldig.“

Quelle: eurotopica Presseschau/bpb/ds/20.10.2020
 
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