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Wie wirkt sich der Brexit auf Dauer aus? Drucken E-Mail

Nach Ende der Übergangsfrist hat Großbritannien zum Jahresbeginn den europäischen Binnenmarkt und die Zollunion verlassen. Mit einem Abkommen in letzter Sekunde verhinderten London und Brüssel einen No-Deal-Brexit. Mit den langfristigen Auswirkungen auf beiden Seiten des Kanals beschäftigen sich die europäischen Medien.


RZECZPOSPOLITA: Mit einer ganz anderen Dimension der Brexit-Folgen beschäftigt sich Chefredakteur Bogusław Chrabota in der liberal-konservativen Tageszeitung

„Abseits der 'harten' Politik gibt es auch die persönliche, rein menschliche Perspektive. Ich war London und Oxford gegenüber freundlich eingestellt. Der englische Stolz und die Selbstgerechtigkeit ließen mich schmunzeln. Ich drückte ein Auge zu. Heute belustigen und irritieren sie mich, vor allem aber langweilen sie. Obendrein habe ich den Drang verloren, den Kanal zu überqueren. Wann ich das alte Königreich wieder besuchen werde? Wohl nicht so bald. Vorher werde ich wahrscheinlich nach Edinburgh reisen, um die Unabhängigkeit meiner schottischen Kollegen zu feiern.“

Corriere del Ticino: Wirtschaftsrealismus setzt sich durch, glaubt die liberale Schweizer Tageszeitung


 „Kurzfristig mag es einige Hindernisse geben, und die Kosten der Wirtschaftsbeziehungen werden steigen, aber London wird kaum in der Lage sein, seine Handelsgeographie zu revolutionieren. Selbst wenn im britischen Export-Import der Anteil der EU in den kommenden Jahren eine weitere Einschränkung erfahren sollte, ist - darauf deuten die Wirtschaftsdaten hin - ein Abstieg des EU-Raums zu einem zweitrangigen Partner sehr unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich. Wenn überhaupt, werden das Vereinigte Königreich und die EU in Zukunft wahrscheinlich weitere wirtschaftliche Vereinbarungen treffen müssen. Wenn auch spät und unvollständig, so war der Post-Brexit-Deal doch zumindest ein Akt in Richtung eines gewissen wirtschaftlichen Realismus.“

LIBERATION:Solche Entwicklungen dauern

Die Trennung Großbritanniens von der EU bleibt ein sehr langsamer Prozess, prophezeit Denis MacShane, ehemaliger Europaminister unter Tony Blair, in Frankreichs linksliberaler Tageszeitung:
 
FR„Der Brexit ist mit dem 31. Dezember noch nicht zu Ende. Das Wort 'Brexit' habe ich 2012 zum ersten Mal verwendet, und ich habe jetzt einen Nachfolgebegriff erfunden, 'Brexeternity', weil die Europafrage für die Engländer noch jahrzehntelang ein Thema sein wird, so wie es bei der 'irischen Frage' der Fall war. Diese Formel wurde erstmals 1844 von Benjamin Disraeli im Unterhaus verwendet. Es dauerte mehr als ein Jahrhundert, um eine Antwort zu erhalten!“

Neatkarīgā: Frankreichs Einfluss steigt
Für Lettlands nationalistische Tageszeitung ist Frankreich nach dem Brexit das neue politische Schwergewicht der Union:

„Es ist jetzt klar, dass die wirtschaftlichen Folgen des Brexit erheblich geringer sind als die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19. Aber der Austritt Großbritanniens hat erhebliche Auswirkungen auf die politischen Prozesse in der EU. Deutschland, das immer die dominierende Wirtschaftsmacht der Europäischen Union war, wird dies auch bleiben. ... Aber mit dem Austritt Großbritanniens hat der Einfluss Frankreichs auf den Ausgang von Entscheidungen zugenommen. Darüber hinaus ist es momentan der einzige Staat in der EU mit Atomwaffen, verfügt über das größte militärische Potenzial und ist auch das einzige EU-Mitglied mit einem Vetorecht im Uno-Sicherheitsrat.“

Der Nordschleswiger: Dänemark braucht einen neuen Freund
Großbritannien war traditionell ein enger Verbündeter Dänemarks in der EU. Der Nordschleswiger, Zeitung der deutschen Minderheit in Dänemark, empfiehlt eine Zuwendung zu Deutschland:

„Die Dänen müssen sich in der EU neue Verbündete suchen. Zunächst scheint die Wahl auf kleine Länder wie Österreich und die Niederlande gefallen zu sein, aber ... [w]ie wäre es nach dem britischen 'Goodbye' mit einem deutschen 'guten Tag'? Der neue starke Verbündete Dänemarks ist ein echter Nachbar und ein wahrer Freund, aber eben auch mit Sieben-Meilen-Stiefeln in der EU unterwegs. Wirft Dänemark die letzten Hemmungen über Bord und macht die deutsche EU-Reise mit und trägt mit eigenen Visionen zur Entwicklung der EU bei, statt als Hinterbänkler nur zu mosern? Denkbar ist es, dass Dänemark nach Großbritannien auch einen neuen Weg einschlägt – aber innerhalb der Gemeinschaft.“

Quelle: eurotopics Presseschau/bpb/ds/08.01.2021
 
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