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Kasseler Bürgerpreis für Ex-Außenminister Bartoszewski Drucken E-Mail

Der frühere polnische Außenminister Professor Wladyslaw Bartoszewski ist am Sonntag mit dem Kasseler Bürgerpreis "Das Glas der Vernunft" geehrt worden. Der 86 Jahre alte KZ-Überlebende, der derzeit als Staatssekretär auch für die deutsch-polnischen Beziehungen zuständig ist, wurde für seinen "unbeugsamen Mut und seine geistige Unabhängigkeit" im Kampf um die Aussöhnung zwischen Polen, Israel und Deutschland ausgezeichnet. "Der Brückenbauer und überzeugte Europäer hat Vorurteile und ideologische Schranken überwunden und sich jahrzehntelang für eine dauerhafte Freundschaft der Völker eingesetzt", heißt es in der Begründung der Jury. Der seit 1991 vergebene Bürgerpreis ist mit 10 000 Euro dotiert.

Die scheidende Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und SPD-Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl, Gesine Schwan, erinnerte an eine "Asymmetrie" im deutsch-polnischen Verhältnis. Das Interesse für den Nachbarn sei auf dieser Seite der Oder deutlich geringer als auf der anderen, sagte sie in ihrer Laudatio auf Bartoszewski. "Nur eine Zahl als Symbol: In jeder Generation lernen zwar 2,5 Millionen Polen Deutsch, aber nur 15 000 Deutsche Polnisch."

Schwan würdigte Bartoszewski als einen Mann, "der die Demokratie als Lebensthema erlitten hat". Trotz Auschwitz und langer Haft in kommunistischen Lagern sei Bartoszewski schon immer ein Versöhner gewesen und habe dafür auch Anfeindungen in Polen hingenommen. "Du hast immer einen Unterschied zwischen Nationalsozialisten und Deutschen gemacht. Das ist eine große moralische und menschliche Leistung. Und Du hast immer allergisch auf die Instrumentalisierung von Schuldgefühlen reagiert."

Bartoszewski, der allein in den vergangenen Wochen fünf europäische Preise erhalten hat, sagte, dass der Kasseler Bürgerpreis die erste Auszeichnung sei, die sich der Vernunft widme. "Das ist neu und im höchsten Maße verpflichtend. Denn die Vernunft ist zwar eine leise Stimme und leicht zu überschreien. Aber wo sie waltet, ist für Hass und Fanatismus kein Platz." Als überzeugter Europäer wolle er immer dafür eintreten. "Die Vernunft soll unsere Völker nie verlassen. Vergessen wir das nie: Wir sind alle Geiseln unseres Gewissens."

Porträt: Wladyslaw Bartoszewski

Die Nachricht, dass ihm der Kasseler Bürgerpreis verliehen wird, erreichte den 86-Jährigen beim Skifahren. Wladyslaw Bartoszewski, geboren 1922 in Warschau, ist trotz langer Jahre in nationalsozialistischen und kommunistischen Lagern körperlich und geistig rege. Er veröffentlicht nicht nur nach wie vor und hält zahlreiche Vorträge, seit November ist er auch wieder fest angestellt: Als Staatssekretär und Berater des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk soll er die Beziehungen seines Landes zu Deutschland und Israel pflegen.

Bartoszewski schloss sich im Zweiten Weltkrieg dem polnischen Widerstand an und gehörte zu den führenden Köpfen der Zegota, die Zehntausende Juden vor dem Holocaust rettete. Im Herbst 1940 wurde der Katholik selbst ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht, kam aber ein halbes Jahr später schwer krank frei. Er ging wieder in den Untergrund und nahm 1944 am Warschauer Aufstand teil.

Nach dem Krieg geriet Bartoszewski auch bei den Kommunisten unter Verdacht und verbrachte weitere sechs Jahre in Haft. Nach seiner Rehabilitierung arbeitete er als Historiker und Publizist, in den achtziger Jahren wurde er als einer der intellektuellen Köpfe der Gewerkschaft Solidarnosc aber wieder verhaftet. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes war er Botschafter in Wien, bevor er 1995 und dann noch einmal von 2000 bis 2001 Außenminister Polens war.

Bartoszewski ist in ganz Europa mit Preisen geehrt worden, allein in den letzten drei Monaten mit dem "Adam-Mickiewicz-Preis" für Völkerverständigung, dem Preis für deutsche und europäische Verständigung 2008, dem Europäischen Kommunikations-Kulturpreis und dem ersten Europäischen Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma.

1986 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1996  mit dem Heinrich-Brauns-Preis und Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf ausgezeichnet, 1997 verlieh ihm die Bundesrepublik Deutschland das Große Verdienstkreuz mit Stern, 2002 erhielt er den Humanismuspreis des Deutschen Altphilologenverbands sowie den Eugen-Kogon-Preis.

Hintergrund: Das Kasseler "Glas der Vernunft"

Das Kasseler "Glas der Vernunft" wird seit 1991 an Politiker, Wissenschaftler, Künstler oder auch Institutionen vergeben, die sich um die Werte der Aufklärung verdient gemacht haben. "Überwindung ideologischer Schranken, Vernunft und Toleranz" nennen die Stifter als Maximen ihres Preises. Jeweils im Herbst wird die von dem Kunstprofessor Karl Oskar Blase gestaltete Auszeichnung in Kassel vergeben, zusammen mit dem Preisgeld von 10 000 Euro. Diese Dotierung des "Kasseler Bürgerpreises" wird ausschließlich durch Spenden erbracht.

Gestiftet wurde der Preis am 3. Oktober 1990 zur deutschen Wiedervereinigung. Erster Preisträger war ein Jahr später der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP). Es folgten unter anderem der Geiger und Dirigent Yehudi Menuhin, der Herzchirurg Christian Barnard, der Transrapid-Entwickler Dieter Spethmann, die Verpackungskünstler Christo und Jeanne-Claude und die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali. Letzte Träger des Preises waren im vergangenen Jahr die russischen Soldatenmütter.

hna.de/polishculture-nyc/wikipedia/ds/29.09.2008

 
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