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Polen auf dem Pfad zum Glaubensstaat Drucken E-Mail

 Antiklerikale Demonstration in Warschau blieb in Medien unerwähnt. Nur die linke »Trybuna« nahm von einer Warschauer Demonstration Kenntnis, die am vergangenen Wochenende immerhin 700 jungen Menschen vereinte. In allen anderen polnischen Medien blieb der antiklerikale Protest unerwähnt.

Von Julian Bartosz, Wroclaw 
 
In den Medien-Chefetagen weiß man: Unter Premier Jaroslaw Kaczynski und seinem Präsidentenbruder Lech empfiehlt es sich nicht, kritische Worte über die Kirche, ihre amtlichen Diener und ihre fanatischen Bekenner zu verlieren. Selbst in Kabarettsendungen des öffentlichen TVP-Fernsehens hütet man sich davor, irgendetwas »Kirchliches« durch den Kakao zu ziehen. Dabei drängte sich gerade in der letzten Zeit so einiges auf.
Da gab es die von Abgeordneten der regierenden Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS) und der Liga Polnischer Familien (LPR) in der Sejmkapelle bestellte Messe, in der der Herr angefleht wurde, endlich Regen über Polen niedergehen zu lassen. Der liebe Gott ließ sich aber noch zwei Wochen Zeit, bis die ersten raren Tropfen fielen. Die Trockenheit im Lande ist katastrophal.

Dagegen gibt es in Wadowice, dem Geburtsort Karol Wojtylas, »unseres verstorbenen Heiligen Vaters«, Nässe genug. Aus dem Hirtenstab des Papstdenkmals floss plötzlich Wasser auf den schwarzen Granitsockel. Die Nachricht von diesem »Wunder« verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Es gab Exkursionen nach Wadowice, und fromme Menschen bezeugten, dass es ihnen nach dem Trunk auf einmal besser gehe – bis Bürgermeisterin Ewa Filipiak bekannt gab, dass unter dem Pflaster eine Wasserleitung gelegt wurde, die es im Sommer aus dem Papststab sprudeln lässt. Trotzdem glauben die Menschen an die heilende Wirkung des »Papstwassers«.

Die Weihwasserbehandlung von Autos vor den Kirchen – wie in jedem Jahr am Christophorustag vorgenommen – brachte indes karge Resultate: Am folgenden Wochenende lag die Zahl der Verkehrstoten wieder über 30 und die der Verletzten ging in die Hunderte. Das muss ein Werk des Teufels sein. Die polnische Bischofskonferenz beschloss jedenfalls kürzlich, das Korps der Exorzisten von 78 auf 100

Doch nicht gegen diese Phänomene des Aberglaubens protestierten am vergangenen Sonnabend Mitglieder der kleinen linken Partei »Racja«. Ihr Vorsitzender Jan Baranski sagte im Gespräch, dass die Demonstration einen vor 13 Jahren vollzogenen klerikalen Verfassungsbruch in Erinnerung bringen wollte. »Damals unterzeichnete die bereits parlamentarisch gestürzte Regierung der bigotten Hanna Suchocka das Konkordat mit dem Vatikan, das einen schnellen Weg zu einem Glaubensstaat in Polen eröffnet hat.« In diesem Abkommen verpflichtete sich Polen, viele Einrichtungen der römisch-katholischen Kirche aus der Staatskasse zu finanzieren und die Gesetzgebung nach Glaubensprinzipien zu gestalten, erläuterte Baranski. Der Protest stand unter der Losung »Polen – nicht klerikal, sondern sozial«. Weil die PiS-Regierung ihr Wahlversprechen (»Solidarisches Polen«) nicht einhalte und angesichts der sich vertiefenden Kluft zwischen Reich und Arm auch nicht gewillt oder imstande sei, konkrete Schritte in diese Richtung zu tun, verliere sie an Unterstützung. Deshalb begebe sie ich – so Baranski – in die Obhut der Kirchenfürsten, um das Volk im Zaum zu halten.
In der vergangenen Woche traf Premier Jaroslaw Kaczynski mit dem scheidenden Primas Polens, Kardinal Jozef Glemp, zusammen. Kaczynski versprach dem Kardinal finanzielle Hilfe für die Vollendung der Kirche der »Göttlichen Vorsehung« im Warschauer Viertel Wilanow. Der Bau der Kathedrale war bereits 1792 vom damaligen Sejm als Dank für Polens erste Verfassung beschlossen, aber nie in Angriff genommen worden. Die Erfüllung des Beschlusses sei jedoch – wie Kaczynski betonte – eine »nationale Pflicht«. Jeder wahre Polen werde dafür Verständnis haben.
Befragt werden die Polen dazu aber ebenso wenig wie zu der Tatsache, dass die Kirche entsprechend dem Konkordat jährlich insgesamt rund 5 Milliarden Zloty (1,25 Mrd. Euro) aus der Staatskasse erhält. Diese Summe macht etwas weniger als ein Fünftel des derzeitigen Haushaltsdefizits aus, das die Regierung daran hindert, die streikenden Ärzte und Krankenschwestern finanziell zu befriedigen.
Die schleichende Umwandlung Polens in einen Glaubensstaat ist jedoch in der hiesigen politischen Debatte überhaupt kein Thema. Insbesondere jetzt nicht: Aus allen Regionen Polens ziehen zurzeit in Pilgerzügen Abertausende Menschen zur Schwarzen Madonna auf dem Weißen Berg zu Czestochowa.
 
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