Home arrow Land & Leute arrow Ein Land im Scheidungstrend
Ein Land im Scheidungstrend Drucken E-Mail

Etwa 70.000 polnische Paare  haben sich im vergangenen Jahr scheiden lassen. Das sind 27 Prozent der Ehen. In Deutschland sind es 52 Prozent. Doch Polen ist streng katholisch, dennoch hat  sich die Zahl der Scheidungen innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt. Als Hauptursache für diese starke Zuwachsrate sehen Soziologen die Arbeitsmigration, wie es in der Fachsprache heißt. Wichtigstes Ziel polnischer Wanderarbeiter war in den neunziger Jahren erst Deutschland; nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union 2004 wurden es die Britischen Inseln, da die Regierungen in London und Dublin im Gegensatz zu Deutschland den Arbeitsmarkt ohne Einschränkungen für Bürger aus den neuen EU-Ländern freigaben.

Doch nicht die Wanderarbeit allein rüttelt an den Grundfesten der Institution Ehe in Polen. Mit der Öffnung des Landes zum Westen vor zwei Jahrzehnten änderte sich auch radikal die Lebensweise namentlich der jungen Generation. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass nahezu 90 Prozent der jungen Polen sich heute zwar weiter zur katholischen Kirche bekennen, zugleich aber deren moralische Leitlinien immer stärker ignorieren. So unterscheiden sie sich etwa kaum von der jungen Generation in Westeuropa in ihrer Haltung zu vorehelichem Geschlechtsverkehr und Verhütung.

Die Mahnungen der Bischöfe verpuffen
Auf die rasante Verwestlichung der Gesellschaft fand die Kirche als nach wie vor wichtigste Autorität der Polen bislang nur unzureichende Antworten. Seit dem Tod des polnischen Papstes Johannes Paul II. vor vier Jahren ist die Bischofskonferenz überdies durch interne Kämpfe zwischen Traditionalisten und Reformern gelähmt. Immer weniger Gehör beim Kirchenvolk finden offenbar die Mahnungen der Pfarrer bei der Sonntagspredigt, dass die Ehe ein Sakrament sei und deshalb unauflöslich. Mehr als 60 Prozent der Polen sehen Umfragen zufolge heute eine Scheidung als "Weg zur Lösung von Eheproblemen" an. Immer weniger beherzigen dagegen die Mahnungen ihrer Bischöfe, das Glück der Familie nicht dem Streben nach materiellen Gütern unterzuordnen: Die Menschen, so der Tenor der Kirchenmänner, sollten sich sehr genau überlegen, ob nicht die Wanderarbeit die eigene Familie schädige oder gar zerstöre.

Die Kirchenpresse sieht zwar einen ersten Erfolg dieser Mahnungen darin, dass die Scheidungszahlen zuletzt wieder leicht zurückgingen. Doch die Soziologen nennen für diese Entwicklung einen viel banaleren Grund: Mit der Wirtschaftskrise verlieren viele der Wanderarbeiter derzeit Brot und Lohn im Ausland. Sie kehren also zurück und leben wieder mit ihren Familien zusammen - vorübergehend zumindest.

SZ/ds/13.03.2009

 
< Zurück   Weiter >
(C) 2019 www.polentoday.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.