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Natura 2000: Posse in Krakau um einen Schmetterling Drucken E-Mail

Das europäische Umweltprogramm „Natura 2000“ wurde zum Schutz von als wertvoll und als gefährdet eingestuften Tier- und Pflanzenarten oder natürlichen Lebensräumen geschaffen. Es dient der Bewahrung, (Wieder-)herstellung und Entwicklung ökologischer Wechselbeziehungen sowie der Förderung natürlicher Ausbreitungs- und Wiederbesiedlungsprozesse. Jeder Mitgliedsstaat ist verpflichtet, eine im Verhältnis zu seinen Naturressourcen angemessene Fläche in dem  Schutzsystem zu erfassen. Wenn irgendein Land nicht alle Gebiete anmeldet, die es verdienen, in das Netz aufgenommen zu werden, oder wenn ein Gebiet durch mangelhafte Pflege seinen schützenwerten Charakter verliert, kann Brüssel eingreifen und empfindliche Strafen verhängen. 
Es kann nationale Vorhaben stoppen – wie  das 2007 von der polnischen Regierung beschlossene Autobahnprojekt durch das in Ermland-Masuren gelegene Ruspudatal, einem der wenigen Urwälder Mitteleuropas. Die vom damaligen Umweltweltminster (!) Jan Szyszko erteilte Baugenehmigung  blockierte der Europäische Gerichtshof mit einer Einstweiligen Verfügung. Dass Umweltschutz auch ad absurdum geführt werden kann, zeigt eine Posse, die sich in Krakau abspielt.

Auf ungefähr eine Milliarde Dollar veranschlagen Krakauer Grundbesitzer ihre Verluste, falls ihr Land in das EU-Programm Natura 2000  einbezogen wird. Dafür plädieren ein portugiesischer Baulöwe und ein ihm offenbar gefälliger Umwelt-Professor, das Ganze garniert mit Behördenmauschelei. Jarosław Armatys beschreibt im Politmagazin „Polytika“ die Posse. Hier die Übersetzung von Silke Lenz:

'DER SCHMETTERLINGSEFFEKT'

Auf ungefähr eine Milliarde Dollar veranschlagen Krakauer Grundbesitzer ihre Verluste, falls ihr Land in das EU-Programm Natura 2000  einbezogen wird. Dafür können findige Developer mit Profiten rechnen.

Professor Michał Woyciechowski, der eine Fläche von tausend Hektar, fünf Kilometer vom Wawel  entfernt, als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet auserkoren hat, appelliert: „Lassen Sie uns den Wert des Bodens nicht in Złoty messen.“ Taxiert man den Wert dieser Hektar, die Hunderten privaten Eigentümern gehören, anhand der Preise für Bauland in Krakau, dann schwankt er zwischen einer Milliarde Dollar und einer Milliarde Euro. Nach einer Ausweisung als Natura 2000-Gebiet wird er dramatisch fallen, denn wozu braucht jemand Land, auf dem man nicht bauen darf? – „Ich habe mich von ökologischen Erwägungen leiten lassen. Für die Entschädigung von Verlusten sind die Kommunalverwaltungen und der Staat zuständig“, versichert Woyciechowski.

„Die Stadt hat weder die Absicht, noch glücklicherweise die Verpflichtung, diese Grundstücke aufzukaufen“, sagt Grzegorz Stawowy, Ratsmitglied und Vorsitzender des Planungsausschusses im Krakauer Stadtrat. „Für Natura 2000 und die Konsequenzen der Implementierung sind die Zentralverwaltung und deren lokale Vertreter verantwortlich.”

Bożena Kotońska, die Naturschutzbeauftragte der Wojewodschaft, fügt hinzu, dass das Krakauer Schutzgebiet aus Feuchtwiesen bestehe und dort niemals irgendetwas gebaut werden sollte. Ja, die Eigentümer hätten das Recht, Entschädigungsansprüche geltend zu machen, aber kein Gericht werde ihre Grundstücke als Bauland anerkennen. Die Eigentümer erinnern daran, dass sie durch ein Gesetz des Sejm automatisch umgewidmet worden seien und sich nun in einer gänzlich anderen Rechtswirklichkeit befänden, mit der sich Frau Kotońska wohl noch nicht bekannt gemacht habe.

Und sie warnen, dass es zu Klagen kommen wird. Hunderten von Klagen. Denn es könne doch nicht sein, dass man ihnen im Namen des Gemeinwohls ihren gesamten Besitz raube, das väterliche Erbe, das ihre Ahnen mühsam Morgen für Morgen ansammelt haben. Und das heute, da sich diese wenig ergiebigen Felder in einen der attraktivsten Baustandorte in diesem Teil Europas verwandelt haben.

Die Opfer des Schmarotzers

Die Anwohner der Krakauer Stadtteile Skotniki, Pychowice, Bodzów, Tyniec  und Kostrze wissen bereits, dass der Bläulingsfalter, der sich an ihren Grund und Boden klammert, ein perfider Dämon ist. Und zwar von klein auf. Eine von den Schmetterlingslarven abgesonderte Substanz verwirrt Ameisen die Sinne, so dass sie sie für ihre eigenen Kleinen halten und in den Ameisenhaufen tragen. Dort reift die Bläulingsbrut heran, indem sie die Larven der Ameisen auffrisst. „Aber später durchläuft sie eine Metamorphose und wird zu einem wunderschönen Schmetterling“, schwärmt Professor Woyciechowski vom Institut für Umweltwissenschaften der Jagiellonen-Universität  weiter von der Biologie der Bläulinge, der er ein Vierteljahrhundert seines beruflichen Lebens gewidmet hat. Und er fügt hier an, dass nicht er es sei, der mit dem Schmetterling und der Natura 2000 in die Welt der Anwohner eindringe. „Es hat sich nur so glücklich gefügt, dass diese Böden jahrelang extensiv genutzt wurden, mit Gras bewuchsen und sich in Wiesen verwandelten.“

Die Anwohner entgegnen darauf, dass Woyciechowski von ihrem Grund und Boden schmarotze, so wie sein Liebling, der dämonische Bläuling, von den Ameisen. Und dass es dem Professor überhaupt nicht um den Schmetterling gehe, sondern um das geschäftliche Interesse eines portugiesischen Bauunternehmers, der Gerium GmbH.

Vor mehr als einem Jahr gab die Gerium GmbH bekannt, dass sie beabsichtigt, im Stadtteil Zakrzówek, einem Hort wilder Natur, drei Kilometer vom Wawel entfernt gelegen, eine Appartementsiedlung zu bauen, den Rest aber in einen städtischen Park zu verwandeln. Der Plan gefiel vielen Krakauern nicht; sie meinten, dass dort überhaupt nichts gebaut werden sollte. Dann spürten Naturschützer in Zakrzówek den Bläulingsfalter auf und schlugen das gesamte Gebiet für das Natura 2000-Netz vor - denn kein für die Überredungskünste von Developern empfänglicher städtischer Beamter wäre imstande, EU-Recht in Frage zu stellen.

Angesichts der Aussicht auf einen Stopp der Investition beauftragte die Gerium GmbH Professor Woyciechowski mit der Anfertigung eines ökologischen Gutachtens über Zakrzówek. Der Professor wies nach, dass Bläulinge in Zakrzówek zwar vorkommen, aber nur in einer Anzahl von wenigen hundert Exemplaren. Eine erheblich größere Population dieses Falters fliege dagegen über die Felder, die zu Kostrze, Skotniki, Bodzów, Tyniec und Pychowice gehören. Er unterstrich auch, dass in Zakrzówek kein besonderes Schutzgebiet  geschaffen werden müsse, da es nur ein Teil eines größeren, dem Schutz des Falters gewidmeten Ganzen sei, dessen Grenzbestimmung er soeben abgeschlossen habe.

Die offizielle Präsentation des Krakauer FFH-Gebiets fand am 5. September 2008 im Wojewodschaftsamt statt. Eine ausgewählte Öffentlichkeit – die Eigentümer des den Bläulingen eingeräumten Landes waren nicht eingeladen – wurde davon in Kenntnis gesetzt, dass „Natura 2000-Schutzgebiete aufgrund wissenschaftlicher Kriterien festgelegt werden“ und dass man das Projekt von Professor Woyciechowski zur abschließenden Genehmigung ans Umweltministerium weitergeleitet habe.

Einige Tage später ließ der portugiesische Bauunternehmer wissen, dass das von Woyciechowski erstellte Gutachten über Zakrzówek in Übereinstimmung mit der Habitat-Richtlinie der EU sogar eine völlige Dezimierung der geschützten Art zulasse, sofern deren Population klein sei und sich der Investor verpflichte, als Ausgleich den natürlichen Lebensraum einer größeren Population an einem anderen Standort zu verbessern. Als Ausgleich für die Bebauung von Zakrzówek verpflichtete sich der Bauunternehmer, den Schutz der Bläulinge auszuweiten – auf dem Grund und Boden der Anwohner.

Das Geld vom Portugiesen

Als sie aus den Medien erfuhren, dass sie ihr Land der Natura 2000 unterstellen müssen, kochten die Anwohner. Sie bemühten sich um ein Treffen mit der Naturschutzbeauftragten der Wojewodschaft, doch die fand für sie keine Zeit. Also begann man eben, Protestbriefe zu schreiben, an den Wojewoden, an den Krakauer Stadtpräsidenten, an den Umweltminister. Und die Bezirksrätin Maria Potempa aus Skotniki rechnete im „Kurier Podwawelski” – einer vom Bezirksrat herausgegebenen Zeitung – vor, dass das Bläulingsschutzgebiet 20 Prozent der von Anrainern des Krakauer VIII. Bezirks bewohnten Fläche beanspruchen wird. Es werde dessen Entwicklung nachhaltig blockieren, Investitionen in die Infrastruktur aufhalten und zu wirtschaftlichem Stillstand führen. Dabei heißt es doch in den EU-Richtlinien, dass während der Festlegung eines Natura 2000-Gebiets soziale und ökonomische Gesichtspunkte berücksichtigt werden sollten. Polen, merkt Potempa an, habe – den auf der Internetseite des Umweltministeriums veröffentlichten Daten zufolge - dem Bläuling schon 360.000 Hektar eingeräumt. Ganz schön viel, schließlich stehe dieser Schmetterling nicht einmal auf der Liste der besonders bedrohten Arten. Wozu also diese zusätzlichen tausend Hektar? Ausgerechnet in Krakau?

Nach Meinung der Bezirksrätin wurde das FFH-Schutzgebiet schludrig festgelegt, auf der Grundlage veralteter Untersuchungen, in denen die fortschreitende Urbanisierung der Gegend nicht berücksichtigt wurde. – „Nehmen Sie nur die Bojanówka-Straße. Die Anwohner haben sie mit Eigen- und EU-Mitteln verbreitert, asphaltiert, Seitenstreifen und Gehwege angelegt. Und jetzt will man mit der Natura 2000 die Bebauung der Anrainergrundstücke verbieten.“ Potempa fragte auch, ob nicht der private Auftrag von Gerium einen Einfluss auf die wissenschaftliche Objektivität des Professors gehabt haben könnte. Der Professor seinerseits streitet gar nicht ab, Geld vom Portugiesen erhalten zu haben; er sagt, dies habe seinem Team die - auf Wunsch des Umweltministeriums erfolgte – Festlegung eines sich durch ganz Kleinpolen ziehenden Schutzsystems für Bläulinge fertigzustellen, dessen Krakauer Bestandteil lediglich eines von zehn Gebieten sei. Verdächtigungen, er habe gegen Geld das Bläulingsproblem auf den Grund und Boden der Anwohner ausgedehnt, weist er zurück. „Es ist nicht so“, erläutert er, „dass mein Honorar umso höher ausfällt, je mehr Hektar ich in Krakau für das Schutzgebiet vorschlage.“

Die dunkle Golf-Intrige

Die Kinder vieler Anwohner wanderten in die Stadt ab, weil es dort einmal bezahlte Arbeit gab und keine bäuerliche Elendswirtschaft. Jetzt möchten sie zurückkehren. Dafür braucht man aber einen Ort, an den man zurückkehren kann. Ein Stück des väterlichen Erbes wird verkauft, damit man auf einem anderen mit dem Bau eines Hauses für die Kinder beginnen kann. Andere Anwohner behielten ihr Land als eiserne Reserve, wieder andere betrachteten es als eine Krankenversicherung. Bezirksrat Mieczysław Kłosowski erzählt von einer Familie aus Tyniec, die mit dem Verkauf von Land die Zukunft ihres einzigen, zerebral gelähmten Kindes absichern wollte. Ist der Bläulingsfalter wichtiger als ihr Kind?

Diese ganze Natura 2000, sagen die Anwohner, ist nur ein weiterer Versuch, mit einem amtlichen Stück Papier ihren Grund und Boden zu übernehmen. Nicht anders war es mit dem Flächenbewirtschaftungsplan, der ihnen aufs Auge gedrückt wurde. Als erste protestierten die Bodzówer, denn sie waren wie vom Schlag getroffen, als Beamte sich ausdachten, auf ihrem privaten Grund einen Golfplatz anzulegen. Sie begründeten das damit, dass die Sorge um die Erhaltung der biologischen Vielfalt dieser Flächen so perfekt mit der Sicherstellung der Erholung der Krakauer verbunden würde. Als ob sich niemand im Magistrat darüber im Klaren gewesen wäre, dass Golfplätze so ökologisch sind wie eine Versiegelung des Bodens mit Asphalt. Dass dort genetisch verändertes Gras wächst. Außerdem ist Golf in Krakau ähnlich populär wie Skifahren in Tansania.

Na, und ein solcher Platz könnte mindestens 50 Hektar bedecken - und die Grundstückspreise dramatisch senken. Nach Inkrafttreten des Plans würde der Golfplatzbetreiber sie für ein paar Groschen aufkaufen. Danach käme es dann zu einer kleinen Korrektur des Plans, und – Abrakadabra – auf dem von Amts wegen für einen Golfplatz reservierten Boden entstünde eine Kolonie von Einfamilienhäusern auf taschentuchgroßen Parzellen, damit man möglichst viele Familien hineinpferchen kann. Übrigens ging es nicht nur um diese dunkle Golf-Intrige, es sei nur gesagt, dass man den Anwohnern lediglich auf fünf der 545 vom Plan erfassten freien Hektar gestatten wollte, Häuser zu bauen. Das war kein Plan, sondern ein vorsätzlich begangenes urbanistisches Verbrechen an der Anrainergemeinschaft.

Trotz Mediation von Ratsmitgliedern beharrten die Beamten eisern auf ihrem Plan. Sie ließen keinerlei Abänderungen zu. Folglich musste man den Plan kippen. Es ging nicht ohne Besuche von Anwohnern bei der Stadtverwaltung in einer Stärke von 400 Personen ab. Die verschreckten Beamten riefen sogar städtische Wachleute herbei. Doch der Stadtrat hob den Plan auf.

Das Land des Großen Wiesenknopfes
 
„Mit dem Golfplatz hat es nicht geklappt, also haben sie den Bläuling gefunden“, fasst Halina Kossowska aus Bodzów zusammen, die gemeinsam mit ihrem Nachbar Józef Krok den Widerstand gegen den Raumbewirtschaftungsplan organisiert hat.

Nach den Protesten der Anwohner, Natura 2000 wolle sie ihres Besitzes berauben, wandte sich der Krakauer Stadtpräsident an Professor Mirosław Kasperczyk, den Leiter des Lehrstuhls für Wiesenbau an der Landwirtschaftlichen Universität, damit dieser das von Woyciechowski festgelegte Gebiet noch einmal überprüft. Im Winter lassen sich solche Untersuchungen schlecht durchführen, denn nicht nur gibt es den Schmetterling dann nicht, sondern auch seine Wirtspflanze, der Große Wiesenknopf, verwelkt im Herbst. Aber die Sache war dringend, und der Stadtpräsident wollte Kasperczyks Bericht an das Umweltministerium weiterleiten, bevor eine Entscheidung über die Einrichtung eines FFH-Schutzgebiets in Krakau gefällt würde.

Der Anfang Januar 2009 fertiggestellte Bericht von Kasperczyk hält fest, dass nur rund 40 Prozent der Flächen, die sich innerhalb der Grenzen des vorgeschlagenen FFH-Schutzgebiets befinden, als Wiesen einzustufen sind, auf denen sich der Große Wiesenknopf entfalten und der Bläuling ernähren kann. Auf dem restlichen Teil wachsen Schilfrohr und Goldrute  – Hochgräser also, die andere Pflanzen, auch den Großen Wiesenknopf, verdrängen. Dort kann sich der Bläuling nicht halten. Außerdem haben die Eigentümer vieler Grundstücke Schutt angenommen, um sie einzuebnen und für den Bau vorzubereiten. Andere haben Pestizide vergossen, um Korbweiden auszurotten. „Einen erheblichen Teil dieses Gebiets kann man schwerlich als Ackerland oder Wiesen bezeichnen. Das Gelände eignet sich nur zur Bebauung. Wozu es in ein Schutzgebiet einbeziehen? Dort wollen Menschen leben. Auch das sollte man sehen“, meint Professor Kasperczyk.

Woyciechowski dagegen warnt: „Die Zerstörung dieses Gebiets schreitet unglaublich schnell voran. Die Grundstückseigentümer verwenden einfache in ihrer Primitivität, aber nichtsdestoweniger wirkungsvolle Methoden, um die Wirklichkeit zu verändern.“ Stadtrat Grzegorz Stawowy legte die Ausarbeitungen der Professoren Woyciechowski und Kasperczyk nebeneinander auf seinen Schreibtisch und begann zu rechnen. Um auf dem von Woyciechowski vorgeschlagenen Gelände eine Wiese zu erhalten, die das Überleben der Bläulingspopulation sichert, muss man sie per Hand mähen. Zweimal im Jahr. Was ungefähr 3.000 Złoty pro Hektar kostet. Drei Millionen Złoty jährlich. Das aber erst später, nach einigen Jahren, denn wie Kasperczyk feststellte, muss man auf der Hälfte der ausgewiesenen Flächen diese Wiese erst einmal anlegen, Korbweiden beseitigen, Bäume roden, aggressive Gräserarten ausrotten. Wie viel das kosten wird? Zwei, vielleicht auch fünf Millionen.

Die Unterhaltungskosten für Natura 2000-Gebiete bezuschusst Brüssel mit einer Quote von jährlich tausend Złoty pro Hektar. Wer soll den Rest bezahlen? Die Stadt? Ja. Aber nur auf ihren eigenen Flächen, und von denen entfallen nur relativ wenige auf das FFH-Schutzgebiet, rund 150 Hektar. Von wem und mit welchen Mitteln werden die Eigentümer der übrigen Grundstücke davon überzeugt, sie in einem Zustand zu erhalten, der das Überleben des Bläulingsfalters sichert?

Alle sechs Jahre werden Fachleute der EU über die Natura-Gebiete Bericht erstatten. Falls sie eine Abnahme der Population geschützter Arten feststellen, werden sie empfindliche finanzielle Sanktionen verhängen. Und wieder – wer zahlt? Die Gemeinde? „Auf keinen Fall. Es sind nicht die Stadtverwaltungen, die über die Ausweisung einer Zone entscheiden, und sie haben nicht die Absicht, die Konsequenzen dieser Entscheidung zu tragen.“ Stawowy schließt nicht aus, dass die Eigentümer der gegen ihren Willen der Natura 2000 unterstellten Flächen mit den Sanktionen der EU belegt werden.

Mit Feuer und Rübe

Die Großväter der Anwohner wurden noch auf Photos in den Zeitungen als Kulaken vorgeführt, die sich dem einzig richtigen System verweigerten und nicht freiwillig einem Staatsgut beitraten. Und was jetzt? Wird man sie wieder, diesmal im Fernsehen, anprangern – wegen eines Schmetterlings?

Nein, sie sind nicht gegen die Natura-Gebiet. Mag es kommen, wenn es kommen muss. Nur sollten nicht nur die Schmetterlinge, sondern auch sie selbst auf ihrem eigenen Grund und Boden ein Lebensrecht im Einklang mit dem gesunden Menschenverstand haben. Aber wenn niemand vernünftig mit ihnen redet, werden sie den Schmetterling für ihren Feind halten und alles dafür tun, damit er ihnen nicht mehr in die Quere kommt. Es reicht, dass sie das Gras nicht mit der Sense mähen, sondern abbrennen. Oder auf die Felder hinausziehen, pflügen, säen und Rüben oder Kartoffeln anpflanzen. Dann gibt es keine Wiese, keinen Großen Wiesenknopf und auch keinen Schmetterling mehr.

Wie viel soll der Natura 2000 unterstellt werden?

Natura 2000-Gebiete werden zum Schutz von als wertvoll und europaweit als gefährdet eingestuften Tier- und Pflanzenarten oder natürlichen Lebensräumen geschaffen. Jeder Mitgliedsstaat ist verpflichtet, eine im Verhältnis zu seinen Naturressourcen angemessene Fläche in dem Schutzsystem zu erfassen. Man schätzt, dass Polen rund 20-25 Prozent seines Territoriums Natura 2000 unterstellen sollte. Wenn irgendein Land nicht alle Gebiete anmeldet, die es verdienen, in das Netz aufgenommen zu werden, oder wenn ein Gebiet durch mangelhafte Pflege seinen schützenwerten Charakter verliert, kann Brüssel empfindliche Strafen verhängen. Die Erfassung einer Fläche durch Natura 2000 bedeutet nicht automatisch ein Verbot der Realisierung jedweder Investitionen. Es gilt jedoch ein strenges Verbot einer Beeinträchtigung ihres schützenswerten Zustands. Im Falle des Bläulings bedeutet dieser Grundsatz in der Praxis eine Blockade von Investitionen, da jeder Eingriff die Wasserbilanz verändern, zur Versteppung der Wiesen führen und den Bestand des Falters gefährden kann.

Die Übersetzung des Artikels, erschienen in der Polityka Nr. 11/2009 vom 11.03.2009, hat das Deutsch-Polnische Institut ins Netz gestellt.

Polityka/de-pl.info/ds/15.03.2009

 
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