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Sprach-Spiele: Posznan heißt wieder Posen Drucken E-Mail

Auf Berlins Plakatwänden tobt scheinbar gerade ein verbaler Rückeroberungs-krieg: "Breslau ist eine Reise wert" schreit es gleich gegenüber vom Bundes-presseamt. "Posen ist wieder da" liest man auf einer Litfaßsäule am Gendarmenmarkt. Und in der Tourismuswerbung am Bahnhof Friedrichstraße ist ganz selbstverständlich von Stettin die Rede.

Was ist los? Haben die Falken unter den Vertriebenen eine Revision der Oder-Neiße-Grenze durchgesetzt? Jahrzehntelang gab es in der BRD und erst recht in der DDR kein größeres linguistisches Tabu als den Gebrauch der alten deutschen Städtenamen. Wer nicht Wroclaw, Posznan oder Szczecin sagte, wurde von der Semantikpolizei mit Revanchismusverdacht nicht unter 30 Tonnen bestraft. Noch Mitte der neunziger Jahr monierten PDS und SPD in Brandenburg die Benutzung der alten deutschen Namen im Schulunterricht, weil damit polnische Bürger "irritiert" werden könnten.

Doch offenbar läßt man sich gerade im selbstbewußten neuen Polen nicht so leicht irritieren, wie es deutsche Gutmeiner befürchten. Denn hinter den Plakatanschlägen steckt ausgerechnet polnische Fremdenverkehrswerbung. Offenbar handelt man nach der Devise "Von Königsberg lernen, heißt deutsche Touristen werben". Die jetzt russische Stadt im ehemaligen Ostpreußen nennt hierzulande ja auch schon lange keiner "Kaliningrad". Wer Königsberg sagt, der träumt einen vagen Traum vom deutsch-russischer Händedruck über dem Grab von Kant.

Vielleicht finden wir ja mit polnischer Unterstützung zu einer Normalität, in der der Gebrauch des Namens Breslau so selbstverständlich ist, wie man Mailand statt Milano sagen darf - ohne in den Verdacht zu geraten, man wolle Deutschland in den Grenzen des Heiligen Römischen Reiches wiederhaben.
 
Matthias Heine, Berliner Morgenpost


 
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