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Immer mehr Deutsche gehen mal kurz rüber ins billigere Polen. Entlang der deutsch-polnischen Grenze scheint der Binnenmarkt schon längst zu existieren. "Die Deutschen kommen, und es werden von Tag zu Tag immer mehr", heißt es in polnischen Medien.

In Friseursalons, Autowerkstätten, Zahnarztpraxen oder Geschäften stellen sich die polnischen Geschäftsleute auf die Kunden vom westlichen Oderufer ein. Auch die Gastronomiebetriebe profitierten davon, dass mittlerweile "nicht Dutzende, sondern sogar Tausende Deutsche" das polnische Grenzland als preiswerte Dienstleistungs-alternative entdeckten. Selbst Hochzeiten und andere Familienfeiern werden mittlerweile im preiswerteren Polen gefeiert.
 
"Das Interesse der Deutschen steigt, täglich bekommen wir mehr Telefon- und Mailanfragen", stellt Autohändler Andrzej Szyjkowski aus Gorzow Wielkopolski fest. Der Fahrzeugcheck – mit den gleichen Garantien wie in Deutschland – koste durch-
schnittlich nur halb so viel wie im westlichen Nachbarland. Szyjkowski überlegt bereits, ob er seine Leistungen künftig nicht auch gegen Euro anbieten soll, um seinen Kunden den Gang zur Wechselstube zu ersparen.
 
Auch Friseure profitieren vom hohen Kurs des Euro im Vergleich zum polnischen Zloty. So kostet ein Männerhaarschnitt in Polen 15 Zloty (4,50 Euro), Kundinnen erhalten für 50 Zloty einen neuen Look. "Wir haben nicht nur Kunden aus Deutschland, sondern sogar aus Holland, Schweden und Dänemark", sagt die Besitzerin eines Friseursalons.
 
Seit dem EU-Beitritt im Mai 2004 merken auch Zahnärzte, die bisher lediglich in polnischsprachigen Zeitungen in Berlin und anderen Städten mit großer polnischer Minderheit inserierten, dass sich die niedrigeren Kosten auch unter den Deutschen herumgesprochen haben. "Vor dem Beitritt war die Mehrheit der Kunden aus dem Westen polnischer Abstammung", beschreibt Zahnarzt Boguslaw Karpisz den neuen Boom an der Oder. Nun ließen sich immer mehr Deutsche in Polen Zahnprothesen anfertigen - zur Freude der Zahntechniker. Denn den polnischen Patienten sind die Kosten für das Gebiss häufig zu hoch.
 
Das Unternehmertum in der Grenzregion blüht. Während im Landesdurchschnitt auf 1.000 Einwohner 61 Wirtschaftsbetriebe entfallen, sind es in Slubice 232, in Kostrzyn 122 und in Zgorzelec 94. "Entlang der Grenze gibt es rund 80.000 kleine polnische Firmen", berichtet Krzysztof Dzierzawski vom Adam Smith Zentrum in Warschau.
 
Unter ihnen sind viele, die als Händler auf den Polenmärkten die ersten Schritte in die Selbstständigkeit machten. "Natürlich wäre es besser, wenn sich in der Region eine High-Tech-Branche entwickeln würde, aber besser irgendein Unternehmertum als gar keines", zeigt sich der Wirtschaftsexperte pragmatisch.
 
Die unmittelbare Nachbarschaft zur deutschen Grenze und das Angebot deutscher Firmen sei von Vorteil: "Die Unternehmer lernen schnell, verbessern Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit." Zdzislaw Rakoczy, Besitzer einer Autoreparaturwerkstatt in Zgorzelec, hat keine Angst vor deutscher Konkurrenz: "Ihre Schwachstellen sind hohe Preise und lange Wartezeiten", meint er. "Ein polnischer Mechaniker arbeitet, bis das Auto wieder fährt – ein deutscher macht um 18 Uhr Schluss."

Nordkurier.de

 
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