Home
"Wat soll dat denn?" Drucken E-Mail

Flucht in die Erinnerung "Erzwungene Wege" in Berlin: Streit um die neue Vertriebenen-Ausstellung Berlin - Schon beim ersten Blick gerät der ältere Herr in Rage. "So ein Blödsinn", hallt es durch den Raum, "wat soll dat denn?" Das Rentner-Ehepaar aus Brandenburg ist aufgebracht. Eine lange Reise haben sie in Kauf genommen, um ins Museum zu gehen. Als Zeitzeugen, denn sie sind selbst Vertriebene, vor 60 Jahren aus Lemberg und Danzig geflohen. Jetzt stehen sie in der Ausstellung, die ihnen gewidmet sein soll - und finden sich nicht wieder.Die Tafel vor ihnen kündet vom Schicksal der Abchasen, Polen, Pygmäen, Tibeter, Zyprioten. "Da fasst man sich doch an den Kopp", schimpft der ältere Herr.

HOLGER EICHELE

Seit der deutsche Vertriebenen-Bund vor einer Woche seine Ausstellung im Berliner Kronprinzenpalais eröffnet hat, hagelt es wütende Proteste. Die mit Spannung erwartete Präsentation über "Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts" stößt im In- und Ausland auf Kritik.

Heimatvertriebene: Schau zu unkritisch

Vor allem deutsche Heimatvertriebene bemängeln die Schau als zu oberflächlich, zu unkritisch, zu zurückhaltend. Polens Regierung dagegen spricht von einem revisionistischem Machwerk (siehe Kasten). Regierungschef Jaroslaw Kaczynski wirft den deutschen Ausstellungsmachern "Geschichtsfälschung" vor. Viele Kritiker eint, dass sie über etwas urteilen, was sie selbst nicht gesehen haben.

Dabei ist augenfällig, wie sehr sich die Kuratoren darauf konzentriert haben, ihren Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Ausstellung ist peinlich bemüht um Sachlichkeit, Neutralität und politische Korrektheit. Schon der Titel "Erzwungene Wege" kündet von der Absicht, Schuldzuweisungen ebenso zu vermeiden wie Pathos. Nüchtern werden in weißgekalkten Räumen ungeheure Dimensionen skizziert: Mehr als 30 Völker Europas haben im vergangenen Jahrhundert ganz oder teilweise ihre Heimat verloren. Mehr als 80 Millionen Menschen fielen der Wahnidee vom homogenen Nationalstaat zum Opfer. Sie wurden vernichtet, vertrieben, umgesiedelt, "heim ins Reich" geholt oder deportiert.

Der Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/16, die Massaker an Griechen 1922/23, die Vertreibung und Vernichtung der Juden ab 1933, die Zwangsumsiedlungen und Deportationen von Polen, Balten und Ukrainern als Folge des Hitler-Stalin-Paktes - 1939 von den Staatsmännern mit einem Federstrich auf der Landkarte besiegelt: Bewusst räumt der Bund der Vertriebenen jeder Gruppe exakt den gleichen Platz ein, auch den eigenen Landsleuten. Wenngleich es heißt: "Flucht und Vertreibung von 12 bis 14 Millionen Deutschen aus den deutschen Ostgebieten stellen die größte Zwangsmigration in der europäischen Geschichte dar." Jeweils 15 Meter verwenden die Ausstellungsmacher für die Bilanz millionenfachen Leids.

Weil der Bund der Vertriebenen ohnehin im Ruf steht, Emotionen zu schüren, werden Daten und Zahlen in den Vordergrund gerückt, spärlich garniert mit wenig aussagekräftigen Exponaten wie einem zypriotischen Spielzeugauto oder der aus Holzresten und Suppenknochen gefertigten Geige eines Letten. Daneben ist abstrakt von der Bedeutung der Musik die Rede, vom ideellen Wert des Elternhauses, vom Verlust der Heimat.

Die menschlichen Tragödien sind zu Fußnoten geschrumpft. Man muss länger suchen, um vor einem Monitor die Bekanntschaft mit Liselotte Köpke zu machen, die als 14-Jährige in Kolberg zusehen musste, wie ihre Mutter von russischen Soldaten vergewaltigt wurde. "Wir Kinder haben geschrieen, es half nichts. Mir wurde eine Pistole auf die Brust gesetzt." Neun Monate später entbindet die Mutter in einem Flüchtlingszug. Die Odyssee endet in Hamburg, wo die Familie per Zufall auf den lange vermissten Vater trifft. Als er das Baby sieht, stellt er seine Frau vor die Wahl: "Entweder das Kind oder ich."

Angreifbar wird die Ausstellung dort, wo es um die Begründung des Unrechts geht. "Hauptursache für die Vertreibungen in den deutschen Ostgebieten war die durch Stalin beförderte und von den Westalliierten und der polnischen Regierung akzeptierte Westverschiebung Polens bis an die Oder-Neiße-Grenze", heißt es. Kein Wort von Hitlers Machtergreifung, dem Überfall auf Polen, den Verbrechen von Wehrmacht und SS. "Wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte", mahnte 1985 der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker.

Polnischer Protest gegen Bund der Vertriebenen

Die polnische Kritik an der Vertriebenen-Ausstellung aber bezieht sich nur vordergründig auf historische Unschärfen und Umdeutungsversuche. In Wirklichkeit richtet sich der Protest gegen den Bund der Vertriebenen, vor allem aber gegen dessen verhasste Vorsitzende Erika Steinbach, die mit dieser Ausstellung das Fundament legen will für ein ständiges "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin. Für die Warschauer Presse ist die CDU-Politikerin eine "Feindin Polens". Erst in Verbindung mit ihrem Namen wird die Ausstellung zum Skandal; dass in der Hauptstadt noch eine zweite, deutlich drastischere Vertriebenen-Ausstellung läuft, interessiert nicht. Dafür wird jedes Wort der Funktionärin in Polen aufmerksam registriert. Vor Tagen sagte Steinbach, die Schiffsglocke der 1945 mit 10 000 deutschen Flüchtlingen an Bord versenkten "Wilhelm Gustloff" sei ihr liebstes Ausstellungsstück. Gestern kündigte die polnische Küstenwache an, die Leihgabe aus Berlin abzuziehen.
Die Tafel vor ihnen kündet vom Schicksal der Abchasen, Polen, Pygmäen, Tibeter, Zyprioten. "Da fasst man sich doch an den Kopp", schimpft der ältere Herr.

Seit der deutsche Vertriebenen-Bund vor einer Woche seine Ausstellung im Berliner Kronprinzenpalais eröffnet hat, hagelt es wütende Proteste. Die mit Spannung erwartete Präsentation über "Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts" stößt im In- und Ausland auf Kritik.

merkur-online/Holder Eichele/ds/20.8.2006

 
< Zurück   Weiter >
(C) 2020 www.polentoday.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.