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Polnisches Buch zur Vertreibung – ohne Tabus. Drucken E-Mail

Die Zwangsmigrationen im Zusammenhang des Zweiten Weltkriegs sind nach wie vor ein heikles Thema. Der Streit um den Einfluss des Bundes der Vertriebenen auf die neue Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" belegte das hohe Konfliktpotenzial, das dieses Thema weiter in sich trägt. Ein neues populärwissenschaftliches Werk will nun die alten Frontlinien auch in Deutschland überwinden. In Fachkreisen findet es bereits hohe Anerkennung. Die Besonderheit: Es stammt aus der Feder der Breslauerin Bozena Szaynok und anderer junger polnischer Historiker.

Gregor Krumpholz mit einer Rezension für die Südwest Presse

Auf 253 Seiten mit vielen Karten und Fotos von Dokumenten wendet sch das Buch an ein breites Publikum. Lesenswert macht es aber nicht nur die abwechslungsreiche Gestaltung, sondern die inhaltliche Perspektive. Das Werk nimmt alle Volksgruppen in den Blick, die sich auf dem Territorium des heutigen Polen sowie seiner Ostgebiete der Vorkriegszeit befanden, vor allem Deutsche, Polen, Juden und Ukrainer.
Die nationenübergreifende Betrachtung bietet auch deutschen Lesern mit historischen Vorkenntnissen manche Überraschung. Dass der Zwangsaussiedlung der ostdeutschen Bevölkerung nach 1945 Massendeportationen hunderttausender Polen durch die Nationalsozialisten vorausgingen, wird in der Bundesrepublik inzwischen, wenn auch spät gewürdigt. Nur wenige Deutsche wissen, mit welcher Schärfe sich Polen und Ukrainer hinter der deutschen Ostfront in gemischten Siedlungsgebieten bekämpften, mit zehntausenden zivilen Todesopfern. Bis heute vergiften diese Ereignisse mitunter die polnisch-ukrainischen Beziehungen.

Zwar lässt das neue Buch auch Fragen offen. So hätte die Rolle des katholischen polnischen Klerus bei der Angliederung Schlesiens, Pommerns, Ostbrandenburgs und des südlichen Ostpreußens an das Nachkriegspolen zumindest eine Erwähnung verdient. Von deutschen Experten wird das Werk dennoch mit großem Lob bedacht. "Ein großer umfassender Versuch der Objektivierung", würdigt der Präsident des Deutschen Historischen Museums in Berlin, Hans Ottomeyer. Der Leipziger Professor für ostmitteleuropäische Kultur, Stefan Troebst, spricht gar von einer "Krönung" der bisherigen Forschungsergebnisse zur Vertreibungsgeschichte.

Besonders hoch rechnen die deutschen Experten ihren polnischen Kollegen an, den Begriff "Vertreibung" explizit zu verwenden. Er war im Nachbarland bisher weitgehend tabu. Nun spricht auch die 2008 erschienene polnischsprachige Erstausgabe des Werks selbst im Titel von "Vertreibungen". Gleichwohl wurde das Werk im Nachbarland zu einem der wichtigsten Bücher des Jahres gekürt.

Bozena Szaynok und Andere: "Illustrierte Geschichte der Flucht und Vertreibung". Das Buch ist in mehreren Verlagen, unter anderem im Augsburger Weltbild-Verlag erschienen. 253 Seiten, 14.95 Euro.
Link:
http://www.weltbild.de/3/15942905-1/buch/illustrierte-geschichte-der-flucht-und-vertreibung.html

Südwest Presse/Weltbild/ds/11.03.2010

 
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