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ARD - Kommentar zur Beisetzung Kaczynskis Drucken E-Mail

Glorifizierung eines mittelmäßigen Staatsmanns

Von Ludger Kazmierczak (Foto), ARD-Hörfunkstudio Warschau

Wie immer, wenn das Land vom Schicksal geprüft wird, rücken die Polen zusammen. So paradox es klingen mag: Je größer die Tragödie, desto enger ist der Zusammenhalt. In Trauer vereint gedenken die Menschen der Toten. Das ist in der Stunde des Schmerzes, wenn die Emotionen stärker sind als die Vernunft, durchaus nachvollziehbar.

Aber die Entscheidung, das Präsidentenpaar auf dem Wawel in Krakau beizusetzen, ist geradezu absurd. Und zurecht regt sich in Teilen der Bevölkerung heftiger Widerstand gegen diesen irrationalen Schritt. Er macht aus einem allenfalls mittelmäßigen Staatsmann einen National-Helden. Ehre, wem Ehre gebührt, aber eben deshalb gehört der Leichnam des national-konservativen Politikers nicht in die Krakauer Schloss-Kathedrale.

Letzte Ruhestätte für Könige und Nationalhelden
Dort ruhen zwar neben berühmten Monarchen auch einige ungekrönte Häupter, doch die haben sich ihren Platz in der polnischen Geschichte nun wahrlich hart erkämpft. Etwa Marschall Jozef Pilsudski, der große Befreier und Regent des unabhängigen Polen nach dem Ersten Weltkrieg. Oder Tadeusz Kosciusko, der Anführer des Aufstands im 18. Jahrhundert. Der Dichterfürst Adam Mickiewicz ruht in einer Krypta ebenso wie General Sikorski, der Oberbefehlshaber der polnischen Exil-Armee im Zweiten Weltkrieg. Womit hat sich Lech Kaczynski seinen Platz neben diesen großen Persönlichkeiten verdient? Gemeinsam mit seinem Bruder hat er Polen innerhalb Europas fast zwei Jahre lang isoliert.

Ein unverdienter Märtyrer
Als Jaroslaw Kaczynski als Premier von Donald Tusk abgelöst wurde, machte Lech unentwegt von seinem Vetorecht als Präsident Gebrauch und blockierte somit mehr als ein Dutzend Reformen, die dem Land gut getan hätten. Dass sich Polens Verhältnis zu Deutschland so gut entwickelt und das zu Russland zumindest entspannt hat, ist zweifelsohne nicht sein Verdienst. In der Bevölkerung gab es zuletzt kaum noch Rückhalt für ihn. In allen Umfragen wurden ihm keine Chancen eingeräumt, noch mal wieder gewählt zu werden.

Seine politische Karriere wäre vermutlich im Herbst zu Ende gegangen. Und nur wenige hätten ihm eine Träne nachgeweint. Nun wird er als Märtyrer in die Geschichte eingehen. Es gibt Polen, die ernsthaft von einem Heldentod sprechen. Bei allem Verständnis für die große Trauer und das Mitgefühl, die Polen sollten wieder zu sich kommen. Lech Kaczynski hat sich fürwahr einen Platz in der Geschichte verdient, aber keinen neben den Helden vieler polnischer Freiheitskämpfe.

Anmerkung: Die Bekanntgabe von der Beisetzung in der Wawel - Kathedrale hat spontane Protestaktionen ausgelöst – in Krakau, Warschau wie auch im Internet. Schon am Montag hatte sich bei Facebook eine Gruppe gegründet, die diesen Staatsakt verhindern will. Titel: "Nein zur Bestattung der Kaczynskis auf dem Wawel". Innerhalb der ersten 36 Stunden haben sich etwa 30.000 Menschen auf der Seite als Fans registriert. Auf einer anderen Internetseite unterzeicheten bereits  über 10.000 Unterstützer eine Petition, die sich an die Präsidialkanzlei, die Kanzlei des Premierministers und die Krakauer Kurie wendet und sich ebenfalls gegen die Bestattung des "tragisch verstorbenen Lech Kaczynskis auf dem Wawel" richtet.

In Krakau protestierten am Dienstagabend über  400 Menschen gegen die Beisetzungspläne. "Ist er wirklich eines Königs würdig?", stand auf einem Schild, das die Demonstranten in die Höhe hielten. Einige skandierten "Nein zu Wawel" und forderten, das Präsidentenpaar stattdessen auf dem historischen Powazki-Friedhof  in Warschau beizusetzen. Dafür demonstrierten über 300 Menschen in Warschau, sie wollen ihrem ehemaligen Oberbürgermeister auf dem Helden-Friedhof nah sein. Unklar ist noch, wer die Beisetzung in der Wawel-Krypta entschieden hat: der Krakauer Kardinal  Stanislaw Dziwisz ",die Kurie oder Bruder Jaroslaw Kaczynski (der dazu nicht die geringsten Befugnisse hat) ?

Kritik kommt auch von prominenten Polen und Medien. Die linksliberale Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" etwa kritisiert in einem Leitartikel: "Die Entscheidung, ihn auf dem Wawel zu begraben, ist hastig und emotional". Es sei unangemessen, Kaczynski nach seinem Tod in eine Reihe mit Größen wie Josef Pilsudski zu stellen, dem Architekten der polnischen Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg.

Andrzej Waida, Oscar-Preisträger und Regisseur von „Katyn“,  in dem  er das Massaker an der polnischen Elite szenisch dokumentiert (sein Vater zählte zu den Opfern), mahnt Kardinal Dziwisz, an der Beisetzung in Krakau festzuhalten, denn sie drohe Polen „mehr zu spalten als jeder andere Streit seit dem Ende des Kommunismus“.

Lech Kaczynski hatte die in ihn gesetzten Hoffungen längst verspielt, er galt als Marionette seines Bruders, dessen engstirniger Patriotismus Russland, Deutschland und schließlich  auch der EU zunehmend auf die Nerven ging. Nur noch 20 Prozent der Polen wünschten sich Lech Kaczynskis Wiederwahl.

In der Krypta der Wawel-Kathedrale ruhen Könige und Staatsmänner, die historische Größe auszeichnet. Lech Kaczynski  hat diesen Eindruck auf die überwiegende Mehrheit der Polen nicht hinterlassen.

tagesschau.de/Foto:ndr/ds/14.04.2010

 
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