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Die Schweiz hat entschieden, Filmregisseur Roman Polanski nicht an die USA auszuliefern. Der Oscar-Preisträger ist dort angeklagt wegen der Vergewaltigung einer 13-Jährigen im Jahr 1977. Die europäische Presse bemängelt die Einmischung der Politik bei dieser Entscheidung und fürchtet eine verhängnisvolle Signalwirkung für andere Prominente. Das News-Portal „eurotopics“ von der Bundeszentrale für politische Bildung stellt beispielhafte Kommentare ins Netz:
Neue Zürcher Zeitung - Schweiz Politik mischt sich ein Im Fall Polanski haben die Behörden anfangs noch auf das Prinzip der Gleichbehandlung ohne Ansehen der Person gepocht, doch die Freilassung erzählt eine andere Geschichte, meint die konservative Neue Zürcher Zeitung: "Der Schlussakt im Polanski-Drama ist nun aber durchaus ein politischer - dafür spricht allein schon der Umstand, dass die Justizministerin persönlich die Nichtauslieferung kommuniziert hat. Und auch die Argumente hören sich heute alles andere als strikt formaljuristisch an: Da ist die Rede von einem angeforderten, aber von den USA nicht gelieferten Protokoll, das unlängst vom Bundesamt für Justiz selber noch als wenig relevant bezeichnet worden war. ... Solche Argumente hätten eigentlich im vergangenen September dazu veranlassen müssen, mit politischer Weitsicht von einer Verhaftung Polanskis abzusehen. Später dann wäre umgekehrt zu erwarten gewesen, dass die Politik nicht in ein laufendes Rechtshilfeverfahren eingreift: Die Politik mischte sich mit den richtigen Argumenten zum falschen Zeitpunkt ein."
Wprost Online - Polen Stars stehen über Gesetz Die Freilassung Roman Polanskis ist das falsche Signal, kritisiert Artur Bartkiewicz in der Onlineausgabe des Nachrichtenmagazins Wprost. Stars darf nicht mehr erlaubt werden als gewöhnlichen Menschen, sonst vergreifen sich auch andere Künstler an Minderjährigen: "Polanski fühlt sich als Opfer kleiner Leute, die eine gemeine Intrige ausgebrütet haben, die ihn vom Sockel stoßen soll, da sie ihm den Erfolg neiden. Dabei darf er doch mehr als andere. Nicht Polanski ist hier aber am wichtigsten. Nach dem Urteil des Schweizer Gerichts denke ich an all die Stars und Sternchen der Popkultur, die auf ihrem Berufsweg andere dreizehnjährige Samantha Gaileys [Polanskis Opfer] treffen. Was hält sie denn zurück, wenn sie jetzt wissen, dass den Großen wesentlich mehr erlaubt ist?"
The Independent - Großbritannien Pragmatische Schweizer helfen Kriminellen Die Weigerung der Schweiz, Roman Polanski auszuliefern, erzürnt Johann Hari in der liberalen Tageszeitung The Independent: "Roman Polanski hat sein Verbrechen zugegeben bevor er davonrannte, noch Jahre darauf brüstete er sich aus dem Exil, dass jeder Mann davon träume das zu tun, was er getan hatte. ... Aber für die Schweizer Regierung scheint das nicht genug, um ihn in die USA zurückzuschicken, damit er vor Gericht gestellt werden kann. Sie hat ein Schlupfloch im Gesetz gefunden, dass es ihr ermöglicht, ihn laufen zu lassen - während sie zugibt, dass nationale Interessen ein Faktor dafür sein können. Das könnte ein Hinweis auf Druck vom benachbarten Frankreich sein, das seinen Staatsbürger auf freiem Fuß sehen will. Als Schweizer Bürgerin kann ich ohne beleidigend zu sein sagen, dass wir alle um die Geschäfte wissen, auf die sich die Schweiz in der Vergangenheit eingelassen hat, um ihre nationalen Interessen zu wahren. Das steht alles in der langen Tradition, Kriminellen zu helfen und es Schweizer Pragmatismus zu nennen."
El Periódico de Catalunya - Spanien Keine General-Amnestie für Künstler Die Freilassung Roman Polanskis ist richtig, meint die Tageszeitung El Periódico de Catalunya, warnt aber davor, Künstler grundsätzlich freizusprechen: "Die Entscheidung der Schweiz ist vermutlich die beste, die sie treffen konnte, nachdem Polanski zwei Monate in Haft und sieben unter Hausarrest verbracht hat. Die Tat wurde vor zu langer Zeit begangen und sogar das Opfer hat dem Filmemacher bereits vergeben. Aber die Person Polanski hat in Frankreich Reaktionen in Künstlerkreisen ausgelöst, die den Anschein hatten, dem Regisseur alles zu verzeihen, nur weil er Künstler ist. Das widerspricht der einstimmigen Verurteilung in aktuellen Fällen des Missbrauchs Minderjähriger. Polanski sollte nicht ins Gefängnis zurückkehren, aber auch nicht heilig gesprochen werden."
eurotopics/ds/14.07.2010 |