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Dossier RTL strebt zurück nach Polen Drucken E-Mail

Die RTL Group kommt der Rückkehr in den polnischen Markt näher. Laut Angaben aus Verhandlungskreisen sprechen Verantwortliche der TV-Sparte des Bertelsmann-Konzerns bereits seit geraumer Zeit über einen Einstieg bei Polsat, einem der beiden führenden polnischen Privatsender.

Polsat-Eigner Zygmunt Solorz-Zak sagte der Nachrichtenagentur ISB, er verhandele derzeit mit mehreren interessierten Unternehmen über eine Minderheitsbeteiligung. Die RTL Group hatte er bereits in der Vergangenheit erwähnt. Der Konzern selbst lehnt eine Stellungnahme zum Thema ab. Die Warschauer "Gazeta Wyborcza" hatte diese Woche berichtet, Solorz-Zak habe mit der Bertelsmann-Tochter exklusive Verhandlungen vereinbart. RTL-Group-Eigner Bertelsmann ist indirekt auch an der FTD beteiligt.


Strategen sehen damaligen Rückzug als Fehler

Die Luxemburger Fernsehgruppe ist zwar der größte TV-Veranstalter Europas. Er hat aber in der wachstumsträchtigen Region Mittel- und Osteuropas nur punktuell einen Fuß auf den Boden bekommen. Dabei hatte Konzernchef Gerhard Zeiler noch vor zwei Wochen die mittel- und osteuropäischen Länder als die wichtigsten Regionen für die Wachstumspläne der RTL Group benannt. Unter anderem hat der Konzern Länder wie die Ukraine und die südosteuropäischen Märkte in den Blick genommen. Doch in Serbien war in diesem Jahr der Einstieg gescheitert.

In Polen hatte die Gruppe vor fünf Jahren aufgegeben. Sie betrieb den defizitären Kanal RTL 7, dem es an technischer Reichweite fehlte. Heute sehen die TV-Strategen in Luxemburg den damaligen Rückzug als Fehler. Bei Polsat geht es offenbar um einen Anteil von 25 Prozent. Weitere 20 Prozent will Solorz-Zak 2007 an die Börse bringen, selbst aber eine Mehrheit behalten. Laut "Gazeta Wyborcza" sind sich Solorz-Zak und RTL Group noch uneins darüber, wie viel Mitspracherecht die Käufer im Management erhalten.
Polsat, das im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von rund 810 Mio. Zloty (204 Mio. Euro) einen Gewinn von 274 Mio. Zloty (69 Mio. Euro) gemeldet hatte, wurde bei einer Transaktion Ende 2005 mit rund 4 Mrd. Zloty (1 Mrd. Euro) bewertet. Die RTL Group müsste demnach mit einem Preis von rund 1 Mrd. Zloty (252 Mio. Euro) rechnen.

      

Zustimmung von Analysten

Polnische Analysten halten einen Preis von 250 bis 300 Mio. Euro für das Paket für niedrig bewertet. "Man kann Polsat gut mit dem unmittelbaren privaten Konkurrenten TVN vergleichen, da beide Unternehmen vergleichbare Umsätze und Gewinne haben", sagt Andrzej Szymanski vom Investmenthaus BZ WBK. "Nimmt man den Börsenwert der Aktien von TVN als Grundlage, dann kommt man bei den aktuellen Kursen auf einen Wert von 450 Mio. Euro. An der Warschauer Börse dominieren seit Jahresanfang steigende Kurse.
Ein Einstieg bei Polsat sei für den polnischen Markt günstig, da damit ein Transfer von Kompetenzen verbunden sei, findet Dorota Pechlowa vom Investmenthaus BDM PKO.
Polsat streitet sich derzeit mit dem zweiten privaten Sender TVN um den dritten Platz am Markt. Die Führungsposition halten unangefochten die Sender der großen staatlichen Sendeanstalt TVP, wenn es um die Einschaltquoten geht. Insgesamt gibt es rund 80 Programme, die in polnischer Sprache gesendet werden. Der Markt gehört zu den umkämpftesten in Ostmitteleuropa.

Polen größter TV-Werbemarkt in Ostmitteleuropa

Analysten taxieren den polnischen TV-Werbemarkt für 2005 auf ein Volumen zwischen 1,8 Mrd. bis 2,5 Mrd. Zloty (450 bis 625 Mio. Euro). Damit ist er der größte in Ostmitteleuropa. Entscheidend sind aber weniger die aktuellen Volumina als die Wachstumsraten in den vergangenen Jahren, die allesamt zweistellig ausfielen. Darüber hinaus rechnen die Analystenhäuser von BZ WBK und BDM PKO auch in den kommenden Jahren mit zweistelligen Steigerungen pro Jahr. BZ WBK geht davon aus, dass der Markt Ende 2006 ein Volumen von knapp 2,8 Mrd. Zloty hat. Das entspräche einem Plus von 13,2 Prozent. Bis Ende 2007 sollen die Ausgaben noch einmal um 10,6 Prozent auf rund 3,1 Mrd. Zloty steigen.
Polsat-Eigner Solorz-Zak ist einer der reichsten Polen. Warum er verkaufen will, ist unklar. "Wahrscheinlich braucht er dringend Geld, um seine Engagements in den anderen Geschäftsfeldern zu finanzieren", mutmaßt ein Analyst. Dem Unternehmer gehört der Mischkonzern Elektrim, der in finanziellen Nöten steckt. Ebenso ist er Hauptaktionär des Heizkraftwerks Zepak, eines der größten in Polen.

FTD/Lutz Meier/ Sebastian Becker/ds/15.09.2006

 
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