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Polnische Unternehmen sichern deutsche Arbeitsplätze. Drucken E-Mail

Condomi in Erfurt, 500 ARAL-Tankstellen in Norddeutschland, Hoesch in Bad Kreuznach sind die bekanntesten Beispiele. Aber auch kleinere Unternehmen aus Polen wagen zunehmend den Schritt über die Grenze. 

Ammoniakdünste steigen aus den Wannen mit dem elfenbeinfarbenen Sud. Computergesteuert tauchen die Glaskolben auf den Kettenbändern zwei Mal in die weiße Latex-Milch, in Trommeln werden die Präservative in der Folge getrocknet. Vor Polens EU-Beitritt 2004 habe der Latex-Transport aus dem Hamburger Hafen tagelang gedauert, erinnert sich Jerzy Klaper, Produktionschef des Kondom-Herstellers Unimil im südpolnischen Dobczyce. Doch der "Grenz-Horror" sei zum Glück vorbei: Der EU-Beitritt habe die pünktliche Anlieferung der Rohstoffe "erheblich erleichtert".   Doch nicht nur die Lieferzeiten, sondern auch die Eigentumsverhältnisse des seit 1997 börsennotierten Unternehmens haben sich seit dem EU-Beitritt geändert.

Seit Unimil Anfang 2005 die Verbindlichkeiten und die Kontrolle des in die Krise gerutschten Mutterkonzern der deutschen Condomi AG übernahm, sind die Polen mit einem EU-Marktanteil von 20 Prozent zum größten Kondom-Produzenten Westeuropas avanciert. Von Deutschland aus will der Konzern nun verstärkt die Märkte der Nachbarländer Schweiz und Österreich erschließen. An eine Produktions-verlagerung des Condomi-Werkes in Erfurt verschwende er keine Gedanken, versichert Vorstandschef Grzegorz Winogradski: "Im Ausland verkauft sich Made in Germany noch immer sehr gut."

Um 24,7 Prozent auf 4,8 Mrd. Euro sind allein im zweiten Quartal dieses Jahres Polens Exporte nach Deutschland gestiegen. Doch Unimil ist keineswegs das einzige polnische Unternehmen, das auch Investitionsdrang nach Westen verspürt. Bereits im März 2003 übernahm der Mineral-Ölkonzern PKN Orlen für 140 Mio. Euro knapp 500 ARAL -Tankstellen in Norddeutschland - bis heute die größte Investition eines polnischen Unternehmens im Nachbarland. Wie Unimil rettete 2005 auch der polnische Sanitär-Hersteller Sanplast mit der Übernahme des in Finanzprobleme gerutschten Kreuzacher Badewannen-Produzenten Hoesch dessen Angestellten ihren Job: Nur dank des Einstiegs der Polen blieben alle 358 Arbeitsplätze an den Produktions-Standorten Andernach und Kreuzach erhalten. Meist sind es jedoch kleinere polnische Firmen, die seit der EU-Erweiterung verstärkt auch jenseits der Oder operieren.

Polens Botschaft in Berlin schätzt deren Zahl inzwischen auf 20.000, die Höhe von deren Direktinvestitionen auf insgesamt 500 Mio. Euro. Allein im Großraum Berlin hat sich die Zahl der registrierten polnischen Firmen in den beiden letzten Jahren mit 4500 nahezu vervierfacht. So eröffnete an der Spree beispielsweise Smyk, Polens größte Spielwaren- und Kinderbekleidungs-Kette, im März seine erste Deutschland-Filiale. Den deutschen Markt bezeichnet der stellvertretende Smyk-Chef Tomasz Paszowski zwar als schwierig, aber mit 80 Mio. Konsumenten als interessant: Zu der Investition von einer Mio. Euro in die neue Niederlassung habe sich sein Unternehmen auch wegen der Nähe zu Polen entschieden. Ein Art "Management Buy-Out" sei die Übernahme der Verbindlichkeiten der Condomi gewesen, berichtet Unimil-Chef Winogradski über den ungewöhnlichen Einstieg der Polen bei ihrem damaligen Eigentümer: Denn fünf Jahre zuvor hatte Condomi noch eine Mehrheitsbeteiligung an Unimil erworben. Das Engagement bei der kerngesunden Tochter sollte sich als eine der wenigen glücklichen Investitions-Entscheidungen des Condomi-Management erweisen. Vor allem branchenfremde Beteiligungen erwiesen sich für Condomi als kostspieliger Fehlschlag. Und die mangelnde Auslastung des Erfurter Werks ließen die Gläubigerbanken bald nervös werden: Bei der hektischen Suche nach einem möglichen Übernahmekandidaten für den zahlungsunfähig gewordenen Problemkunden landeten die Gläubiger schließlich im Sommer 2004 auch bei dessen Tochter. "Richtig ernst haben die uns anfangs nicht genommen", sagt Winogradski. Das änderte sich rasch. Die Polen retteten Condomi vor dem Bankrott - und die Mitarbeiter des Ex-Mutterkonzerns vor dem Absturz in die Arbeitslosigkeit. Trotz der positiven Erfahrungen in Deutschland macht Winogradski doch auch Unterschiede zu seinem Heimatland aus.

"Deutsche sind schon seit langem reich - und sind es gewohnt, dass der Staat, die Firma oder irgendjemand für sie zahlt. Den Polen ist etwas bewusster, dass Geld nicht vom Himmel fällt - und man ohne Arbeit keines hat."

Die Presse/Thomas Roser/ds/20.09.2006

 
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