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Rätsel um Da Vinci-Porträt in Polen aufgeklärt? Drucken E-Mail

1998 rief das Londoner Auktionshaus Christie´s ein auf Pergament gemaltes Aquarell auf mit der Zuschreibung „Pastiche eines italienischen Meisters des 19. Jahrhunderts“. Der Hammer fiel bei 11.400 Pfund Sterling, heute entsprechend 14.500 Euro. Das war ein  sensationell hoher Zuschlag, der weltweit Experten auf den Plan rief. Könnte es vielleicht doch  ein Aquarell von Leonardo da Vinci sein, wie seinerzeit Professor Martin Kemp von der Oxford Universität vermutete? Er lehrt Kunstgeschichte  - ein weites Feld. Den Christie´s-Experten war Kemps  Zuschreibung zu  vage. Doch der Professor machte seine Überzeugung zur Passion.
In Fachpublikationen stellte er die These auf, dass es sich bei dem  Aquarell um  ein herausgelöstes Blatt aus einem illustrierten Handbuch handeln dürfte, eine seit Jahrhunderten übliche Klaupraxis. Jetzt meldet die Warschauer Nationalbiblothek einen überraschenden Fund, der Kemps These Rückhalt bietet: Eine Mailänder Chronik aus der Zeit der Adelsfamilien Sforza und Borgia enthält originale Porträt-Studien von Leonardo da Vinci.

Die Sforzas und Borgias stritten damals um die Vorherrschaft und stellten Päpste aus ihren Familien. Dass die Päpste es mit dem Keuschheitsgelübde nicht so genau nahmen, ist bekannt. Illegitime Geburten waren gang und gäbe. Sie blieben wohlbehütet im Kreis der Adel-Clans, über ihre Vaterschaft wurde vornehm geschwiegen, gelegentlich aber auch einem Gerücht nicht offen entgegengetreten. Dann vor allem, wenn der Nachwuchs im blühenden Alter mit unverkennbaren Gesichtsmerkmalen auffiel.

In solchen Fällen wurde Malern schon mal aufgetragen, die zugehörige Adelsherkunft im Porträt anzudeuten. „Pastiche“ bezeichnet eine leicht überzeichnete bis ironisierend andeutende  Porträtierung. Leonardo da Vinci stand wechselnd im Dienst der miteinander verfeindeten Sforzas und Borgias.

Als das Frauenportrait 1998 von Christie´s im Vorverkaufskatalog vorgestellt wurde, klingelten bei Prof. Kemp alle Glocken. Das Portrait zeigt die Dame Bianca mit den für die Sforzas typischen Gesichtszügen, war sich Kemp nach eingehender Studie sicher und schrieb es da Vinci zu.

Im Handbuch der Warschauer Nationalbibliothek wird in der Mailänder Chronik textlich auf das Portrait  der „Bianca“ eingegangen – doch es fehlt, ein Blatt wurde herausgetrennt.

Sollte dias von Christie´s  versteigerte Portrait nicht ein „19.Jahrhundert-Werk“, sondern tatsächlich von da Vinci stammen, könnte es nach Expertenmeinung bis zu 100 Millionen Euro wert sein. Das wiederum wäre ein geschäftlich-sachverständiger Albtraum für Christie´s – nachdem man über die Jahre Prof. Kemps Expertise brüskiert hat.

Bei allem leer aus geht die Warschauer Nationalbiliothek. Es fehlt ein Blatt in der Chronik.

thenews.pl/ds/06.10.2011

Update vom 23.10.2011: SPIEGEL ONLINE KULTUR
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,791649,00.html

 
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