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Wulff hat das Idealbild Deutschlands zerstört Drucken E-Mail

In der britischen, französischen und italienischen Presse reibt man sich die Augen über die Aufgeregtheit in den deutschen Medien zur Causa Wulff. Dass der Bundespräsident  zuvor als Minister Niedersachsens im Landtag gelogen hat, dass er Amt und Privatleben in einen Zockertopf wirft, dass er Transparenz predigt und sie der  rhetorischen Wahrheit seiner Anwälte überläßt – all das gehört  im Vereinigten Königreich, in Frankreich und in Italien längst zur  Tagespolitik; nur wenn es auch noch um Sex geht, schlagen die Pressewellen hoch. Doch es gibt eine deutsche Empfindlichkeit, die aus den Lehren der Nazi-Zeit gezogen ist: Pressfreiheit. Auch sie hat Wulff als amtierender Bundespräsident mit den Füßen getreten.


In den 1930ern hatte sich Verlegerzar Hugenberg als Steigbügelhalter für Adolf Hitler angedient; sein Verlagsimperium war einflußreicher als heute die Springer-Presse mit BILD. Wulff hat der BILD Krieg angedroht bis zum Ende seiner Amtszeit. Mit dieser Drohung hat er das Bundespräsidialamt zum Büttel nach persönlichem Gutdünken gemacht – und das macht ihn als moralisches Vorbild untragbar.

WELT ONLINE hat ausländische Korrespondenten zur Causa Wulff befragt, darunter auch Bartosz T. Wielinski von der linksliberalen “Gazeta Wyborcza”, der von 2005 bis 2009 Korrespondent in Deutschland war.

Hier sein Gastkommentar:

 Wenn ich ein Deutscher wäre, würde ich auch dafür plädieren, dass Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurücktritt. Seine persönlichen Freundschaften und Kredite könnte ich ihm verzeihen – jeder hat das Recht, sich von Freunden Geld zu leihen, sogar wenn’s um eine halbe Million Euro geht.

Aber dass Wulff dem „Bild“-Chefredakteur mit Krieg und Bruch drohte und damit versuchte, die kritische Berichterstattung zu verhindern, ist eine Schande für die deutsche Demokratie, die auch internationale Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Ich kann mir schwer vorstellen, wie der deutsche Außenminister die Diktatoren der Welt wegen der Unterdrückung der unabhängigen Medien verurteilen kann, wenn sein Staatsoberhaupt die Freiheit der Medien in seinem Land missachtet. Wulffs Erklärung, dass er sehr empört war und emotional reagierte, ist nicht überzeugend. Wenn ein Spitzenpolitiker so einfach die Beherrschung verliert, dann soll er sich einen neuen Job suchen.

In Polen ist Politik viel willkürlicher als in Deutschland. Unsere Politiker zögern oft nicht, die Medien, besonders die öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten, für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Sogar in düsteren Zeiten, als Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski gemeinsam mit zwei populistischen Parteien mein Land regierte und seine Geheimdienste versuchten, die regierungskritischen Journalisten zu überwachen, wagte sich kein Spitzenpolitiker der damaligen Koalition direkt, auf wulffsche Weise den Journalisten zu drohen, um ihre Arbeit zu verhindern.

Wulff hat das Idealbild Deutschlands zerstört

Hätten wir heute einen solchen Anruf von Ministerpräsident Donald Tusk bekommen, würde am nächsten Tag das Ganze in der Zeitung beschrieben werden. Ich bin überzeugt, dass die Kollegen von anderen Zeitungen genauso reagieren würden. Der Ministerpräsident wäre „erledigt“.

Der Sturz von Jaroslaw Kaczynski, der in 2007 abgewählt wurde, beweist, dass in Polen bei Politikern keine autoritären Neigungen geduldet werden. Deswegen würde es niemand von der Koalition oder Opposition wagen, der Presse zu drohen.

Eine Sache ist uns klar – die Freiheit der Presse, obwohl in Polen längst fest verankert, muss ständig geschützt werden. Die deutschen Kollegen vertreten offensichtlich die gleiche Auffassung und greifen seit gut vier Wochen Christian Wulff mit allen möglichen Kanonen an. Es geht hier nicht um Rache, vielmehr soll ein Exempel statuiert werden, um die Pressefreiheit zu verteigigen. Ich finde das gut, denn Wulff hat auf jeden Fall die Kritik verdient.

Über die ganze Sache berichte ich regelmäßig seit Mitte Dezember. Ohne Schadenfreude, aber mit gewisser Enttäuschung. Für mich und viele meiner Landsleute war Deutschland ein Land, in dem fast überall allumfassend Ordnung und Rechtsstaatlichkeit herrschen und alles in bewährten zivilisierten Bahnen verläuft. Durch die Affäre Wulff wurde dieses Idealbild des Nachbarlandes erschüttert.

WELT ONLINE(Komentar)/ds/17.01.2012

 
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