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Zwei deutsche Holocaust-Forscher in Warschau vor Gericht Drucken E-Mail
  Deutsche Historiker haben Sorge wegen eines Verfahrens gegen zwei Holocaust-Forscher in Polen geäußert. "Es hat ein enormes Einschüchterungspotenzial, wenn es zu solchen Gerichtsverhandlungen kommt", sagte die Vorsitzende Professorin Eva Schlotheuber vom Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) der Deutschen Presse-Agentur. Gerade jüngere Forscherinnen und Forscher könnten abgeschreckt werden. Auch entstehe ein großer Schaden für die Gesellschaft, wenn "wissenschaftlich fundierte Forschungsergebnisse nicht im wissenschaftlichen oder öffentlichen Diskurs verhandelt werden, sondern vor Gericht."

Die Geschichtsprofessoren Barbara Engelking und Jan Grabowski (Foto) befassen sich in ihrem 2018 erschienen 1.600 Seiten-Buch  "Dalej jest noc" ("Und immer noch ist Nacht") mit der Vernichtung der Juden in der polnischen Provinz unter deutscher Besatzung.

Die Autoren wurden von der Nichte eines früheren Ortsvorstehers aus Ostpolen wegen Verleumdung verklagt. Die Frau sieht die Erinnerung an ihren Onkel geschädigt, weil die Historiker in ihrem Buch schreiben, der Ortsvorsteher sei mitschuldig am Tod von mehr als 20 im Wald versteckten Juden gewesen, die den Deutschen übergeben wurden.

Die heute 81-jährige Nichte des bereits verstorbenen Ortsvorstehers fühlte sich durch eine kurze Passage und zwei Fußnoten in ihrem guten Ruf beschädigt. Angeblich habe sich Engelking, die die Situation von Juden im Landkreis Bielski in der Wojewodschaft Podlachien erforschte, einen Teil der Biografie des Ortvorstehers   „erfunden“, wie es in der Klageschrift heißt, und zwar – so wörtlich – „für den Zweck der Buchpublikation .

Die Klägerin fordert rund 22.500 Euro Entschädigung und eine öffentliche Entschuldigung. Unterstützt wird die Klage von der rechtsnationalen Stiftung „Reduta. Festung des guten Namens – Liga gegen Verleumdung“; die die öffentliche Entschuldigung vorformuliert hat.

Durch die Verleumdung ihres Onkels sei aber auch die polnische Nation als Ganzes beleidigt worden, heißt es in der Klageschrift. Sie selbst,  wie auch die gesamte polnische Nation hätten ein „Recht auf ihre nationale Identität und ihren Nationalstolz“, die unter anderem darin bestünden, „Mitglied einer Nation zu sein, die im Zweiten Weltkrieg Juden gerettet habe“. In diesem Ton wetteifern Polens Medien mit rechter Schlagseite.

Grabowski  schrieb bereits auf Facebook: „Sollten wir schuldig gesprochen werden, hätte dies enorme Auswirkungen darauf, wie Historiker künftig über ‚schwierige‘ Themen schreiben werden.“

Wissenschaftler und Holocaust-Experten schlagen weltweit  Alarm.

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem spricht von „einer schwerwiegenden Attacke auf freie und offene Forschung“.


Quellen:VHD/taz/TVP/ds/08.02.2021
 
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