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Astrazeneca-Stopp: Europas Impfkampagne in Gefahr? Drucken E-Mail
Zuletzt auch noch Schweden: Die Liste der EU-Staaten, die Impfungen mit dem Mittel von Astrazeneca vorläufig ausgesetzt haben, wird immer länger. Die Europäische Arzneimittelbehörde Ema will nun bis Donnerstag prüfen, ob es einen Zusammenhang zwischen einigen Fällen von sehr seltenen Thrombosen und der Impfung gibt. Europas Presse diskutiert den Impfstopp kontrovers - und verweist auf ein Dilemma.

RZECZPOSPOLITA: Auch Warschau sollte die Notbremse ziehen.
Polens liberal-konservative Tageszeitungg findet es hingegen kontraproduktiv, nicht zu stoppen:

„Gesundheitsminister Adam Niedzielski hat angekündigt, dass Polen die Verabreichung von Astrazeneca nicht einstellen wird, weil die Vorteile die Risiken überwiegen. Und das ist richtig – aus der großen Perspektive der Statistiken. Aber nicht aus der Perspektive des Einzelnen. Hier kann die Gewichtung ganz anders aussehen. Die polnische Regierung sollte ernsthaft über einen anderen Kurs nachdenken. Es kann kontraproduktiv sein, darauf zu bestehen, die Impfungen mit Astrazeneca nicht einmal für einen kurzen Zeitraum auszusetzen, zumindest bis die Zweifel geklärt sind: Es kann das Vertrauen in die gesamte Impfkampagne untergraben.“

CONTREPOINTS: So leistet man Verschwörungstheorien Vorschub.
Das Vorgehen ist Wasser auf gefährliche Mühlen, sorgt sich Frankreichs liberales Onlineportal:


„Das Aussetzen ist eine Reaktion der Regierungen auf diejenigen, die durch die Gesundheitskrise am meisten in Panik geraten sind und sich am äußersten Rand des Meinungsspektrums befinden. Es ist ein Geschenk des Himmels für die Impfgegner, die Verschwörungstheoretiker oder, prosaischer ausgedrückt, die radikalen Skeptiker. Sich mit den Impfgegnern zu verbünden, um den Impfstoff zu verbieten, und sei es auch nur vorübergehend, hat nur einen Effekt: die Impfkampagne noch komplizierter zu machen und dem Staat einen zusätzlichen Grund zu geben, im Namen des Kampfes gegen das Virus die Freiheit der Bürger zu beschränken. ... Nach diesem politischen Irrtum wird es schwierig, die Leute davon zu überzeugen, sich freiwillig impfen zu lassen – und wer weiß schon, ob die Regierungen ihre Empfehlung dann nicht zur Pflicht machen?“

Público: Die Pille verursacht seit Jahrzehnten Thrombosen.
Auch die Ärztin Vânia Mesquita Machado reagiert entsetzt in Portugals liberaler Tageszeitung:

„Es ist eine Sache, vorsichtig zu sein: eine Charge aus dem Verkehr zu nehmen, die Nebenwirkungen und deren Anteil im Verhältnis zum Auftreten in der Bevölkerung abzuwägen. Thromboembolische Phänomene existieren auch in nicht unerheblicher Zahl bei der oralen Empfängnisverhütung, die beispielsweise Millionen von Frauen täglich einnehmen, und niemand ist darüber sehr besorgt. ... Eine andere Sache ist der Tsunami der Angst, der auch Auswirkungen auf Menschen haben wird, die sich nicht nur von diesem Impfstoff, sondern von Anti-Covid-Impfstoffen allgemein zurückziehen werden. Er vereint Impfgegner und Corona-Leugner, die diesen Rückzug nutzen und Verschwörungstheorien vorantreiben.“

The Daily Telegraph: Astrazeneca bleibt unverzichtbar.
Auch längerfristig kann die EU sowieso nicht auf andere Präparate ausweichen, meint Großbritanniens konservative Tageszeitung;

„Welche Alternative haben EU-Staaten, wenn sie nicht mit Astrazeneca impfen möchten? Die Fabriken von Pfizer produzieren nicht genug, und die EU wird sich äußerst schwer tun, andere Hersteller dazu zu bewegen, auf ihrem Territorium zu produzieren. ... Denn wer würde in ein Werk in der EU investieren wollen, wenn er weiß, dass Exporte von dort von der EU nach Lust und Laune gestoppt werden könnten? Die EU und ihre Mitgliedstaaten riskieren, eine impfstofffreie Zone zu werden. Das wird zu noch viel mehr Todesfällen unter Europäern führen - einschließlich Blutgerinnseln, die letztlich ein Symptom von Covid-19 sind.“

Corriere della Sera: Moralische Zwickmühle.
Im Streit um Astrazeneca treffen zwei grundlegend unterschiedliche Anschauungen aufeinander, erklärt Italiens liberal-konservative Tageszeitung:


„'Der Engländer liebt das offene Meer, der Deutsche den Wald', schrieb Elias Canetti. ... Die beiden europäischen Polaritäten stehen uns in diesen Stunden vor Augen. Großbritannien hat beim Thema Impfstoffe einen utilitaristischen Ansatz gewählt, der auf Kosten-Nutzen-Kalkulationen basiert; Deutschland hat den Vertrieb von Astrazeneca auf der Grundlage des Vorsorgeprinzips ausgesetzt. In der angelsächsischen Welt ist ein Verhalten in der Regel erlaubt, bis es nachweislich schädlich ist; auf dem Kontinent ist es verboten, bis es nachweislich keinen Schaden anrichtet. Ethisch gesehen ist es äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich, das Richtige zu wählen, wenn es um menschliches Leben geht.“

Quelle: eurotopcs Presseschau/bpb/ds/17.03.2021
 
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