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1939: Von Berlin zum Bahnhof von Zbaszyn Drucken E-Mail

Die »Polen-Aktion« vom 28. Oktober 1939 war ein Wendepunkt der NS-Judenverfolgung. Schon bevor am 9. November 1938 in deutschen Städten Synagogen in Brand gesetzt wurden, jagten Antisemiten reichsweit polnische Juden.
Carsten Hübner mit einem Vorbericht zur  französischen Dokumentation »Das kurze mutige Leben des Herschel Grünspan«, die morgen auf „arte“ gezeigt wird.

»Am 28. Oktober 1938 wurde ich frühmorgens, noch vor 7 Uhr, von einem Schutzmann, der ebenso aussah wie jene Polizisten, die auf den Straßen den Verkehr regelten, energisch geweckt. Nachdem er meinen Pass genauestens geprüft hatte, händigte er mir ein Dokument aus. Ich würde, las ich, aus dem Deutschen Reich ausgewiesen.« Wie dem damals 18-jährigen Marcel Reich-Ranicki erging es an diesem Tag rund 18 000 Juden im ganzen Reichsgebiet, von denen viele bereits vor Jahrzehnten aus Polen und Galizien nach Deutschland eingewandert waren. »Sie sprachen tadellos Deutsch und kein Wort Polnisch. Sie waren in Deutschland geboren oder als ganz kleine Kinder hergekommen und hier zur Schule gegangen. Doch hatten sie allesamt, das erfuhr ich bald, aus irgendwelchen Gründen einen polnischen Pass – ebenso wie ich«. Mehr als 2000 sogenannte Ost-Juden teilten allein in Berlin das Schicksal Reich-Ranickis.

Die von den Nazis als »Polen-Aktion« bezeichnete Vertreibung vor 70 Jahren markiert aus Sicht des Flensburger Historikers Gerhard Paul »einen Wendepunkt in der bisherigen Judenpolitik des NS-Regimes«. Erstmals sei Ende Oktober 1938 zum Mittel der massenhaften Zwangsausweisung gegriffen worden, um »den Auswanderungsdruck auf noch in Deutschland lebende Juden zu verstärken«, so Paul. Erstmals war außerdem in großem Stil das Zusammenspiel zwischen Gestapo, SS, Polizei und Reichsbahn erprobt worden, ohne das die spätere Vernichtungspolitik nicht denkbar gewesen wäre.
Der »Polen-Aktion« vorausgegangen war ein monatelanges diplomatisches Tauziehen zwischen dem »Dritten Reich« und der seit Mitte der 30er Jahre amtierenden Rechtsregierung in Warschau, die eine weitere Immigration polnischer Juden aus Deutschland unbedingt verhindern wollte. Antisemitische Motive spielten dabei auch auf polnischer Seite eine gewichtige Rolle. Vor allem im Osten des Landes kam es in dieser Zeit zunehmend zu Übergriffen nationalistischer Gruppen, von denen sich Premierminister Felicjan Slawoj-Skladkowski nur halbherzig distanzierte: »Juden schlagen – nein! Sie boykottieren – bitte ja!«

Ausdruck dieses politischen Klimas war ein im März 1938 vom Sejm verabschiedetes Gesetz, das darauf abzielte, allen polnischen Juden, die seit mehr als fünf Jahren im Ausland lebten, die Staatsbürgerschaft abzuerkennen und ihnen damit eine legale Rückkehr unmöglich zu machen. Trotz Protesten der NS-Regierung wurde schließlich der 30. Oktober 1938 als Stichtag festgesetzt. In der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 1938 wurden daraufhin tausende Menschen in schwerbewachten Zügen zum Grenzort Neu-Bentschen transportiert, wo sie die Waggons unter Drohungen verlassen mussten. Doch die polnischen Beamten verhinderten mit Waffengewalt ihre Einreise. Also zwang man sie zum illegalen Grenzübertritt, wie die Hamburgerin Reta Goldberg später berichtete: »In einer langen Kolonne marschierten wir auf Umwegen zur Grenze, damit uns niemand sah. Als wir an der Grenze ankamen und im Niemandsland waren, trieb uns die SS unter Schreien wie ›Geht, ihr Schweine!‹ und mit Revolvern und Gewehren in unserem Rücken über die Grenze. Vor uns standen polnische Soldaten mit auf uns gerichteten Gewehren, die riefen: ›Kommt nicht weiter!‹ Wir setzten uns auf die Erde und warteten auf Schüsse. Zwei oder drei Schüsse fielen, und alle rannten nach Polen hinein, wogegen die Polen nichts tun konnten.«

Der Leidensweg der Deportierten war damit noch nicht zu Ende. In der Hoffnung, die deutsche Seite würde mit diplomatischem Druck dazu zu bewegen sein, die Menschen wieder zurückzunehmen, wurden sie von den polnischen Behörden über mehrere Tage ohne Nahrungsmittel und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen unmittelbar hinter der Grenze im Bahnhof von Zbaszyn festgehalten. Als die polnische Regierung schließlich einlenkte, konnten etwa 3000 Juden bei Angehörigen oder jüdischen Gemeinden überall im Land Zuflucht suchen. Rund 7000 Menschen aber mussten trotz völliger Entkräftung den sieben Kilometer langen Fußmarsch ins eilends eingerichtete Internierungslager Zbaszyn antreten. Erst im Laufe des Jahres 1939 durften die meisten von ihnen zu Verwandten in Polen oder in andere Länder weiterreisen.

Am 3. November 1938 erfuhr der in Paris lebende polnische Jude Herschel Grynszpan (auch Grünspan) vom Schicksal seiner Familie, die von Hannover aus nach Zbaszyn vertrieben worden war. Der 17-Jährige (Foto) besorgte sich aus Wut und Verzweiflung einen Revolver und schoss in der deutschen Botschaft den Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath nieder. Für die Naziführung war dies der Vorwand für die von langer Hand geplante Reichspogromnacht.

Carsten Hübner/Neues Deutschland/arte/ds/28.10.2008

 
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