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Polnische Leihgeber ziehen Exponate zurück

Nach der heftigen Kritik der Warschauer Regierung an der Vertriebenen-Ausstellung im Berliner Kronprinzenpalais ziehen polnische Leihgeber dort gezeigte Exponate ab. Kuratorin Katharina Klotz bestätigte am Montag entsprechende Meldungen des polnischen Rundfunks. Unklar ist, wie viele der 20 Exponate aus der Ausstellung "Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts" entfernt werden müssen.

Die Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" hatte die Dokumentation am Donnerstag im Berliner Kronprinzenpalais eröffnet. Bei Polens Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski war dies auf scharfe Kritik gestoßen.

Sein Amtsvorgänger, der jetzige Warschauer Bürgermeister Kazimierz Marcinkiewicz, hatte seinen für Freitag in Berlin geplanten Besuch deshalb kurzfristig abgesagt. Zu den polnischen

Leihgebern zählen das Warschauer Stadtmuseum, das Institu des

  J. K.:Böse mit Deutschland

nationalen Gedächtnisses und die Küstenwache, die mit der Schiffsglocke des Anfang 1945 untergegangenen Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff" auch das größte der etwa 300 Objekte zur Verfügung stellte.

KOMMENTAR
Polnische Empfindlichkeiten

Frank Herold

Es lässt sich einiges einwenden gegen die Vertriebenen-Ausstellung "Erzwungene Wege", die seit letzter Woche in Berlin läuft. Jeder, der seine Sicht der Dinge einer Öffentlichkeit zumutet, muss Widerspruch ertragen. Auch Polens Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski steht es selbstredend frei, seine Ablehnung zu äußern. Aber wie er es tat, ist ein Skandal, und die Folgen seiner Worte sind beispiellos. Kaczynski hat die Schau nicht gesehen, aber er rief noch am Eröffnungstag dazu auf, sie zu vernichten. Polnische Leihgeber reagieren prompt und wollen ihre Exponate abziehen. Diese Willfährigkeit der Obrigkeit gegenüber ist erschreckend und sonst nur aus despotisch regierten Ländern bekannt.

Kaczynski braucht keinen Augenschein für ein Urteil. Selbstgefällig schöpft er seine Überzeugungen aus einem festgezimmerten Weltbild. Zusammenfassen lässt es sich etwa so: Die Polen waren und sind die Opfer der Deutschen, die aus ihrer Schuld nichts oder bei weitem nicht genug gelernt haben. Grass in der Waffen-SS, Nazibonzen in der Führung des Bundes der Vertriebenen - sind das etwa keine Belege dafür, dass dieses Bild richtig ist? Unter solchen Umständen mag sich kein Pole dem Verdacht der Kollaboration mit den Deutschen aussetzen. Kaum anders lässt sich der Rückzug der Leihgeber erklären. Eines jedenfalls zeigt der Vorfall: Dass Deutsche und Polen gemeinsam die Aufarbeitung ihrer Geschichte angehen, ist in den letzten Tagen sehr viel schwieriger geworden - wenn nicht auf längere Zeit unmöglich.

Berliner Zeitung, 15.08.2006
 

 
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