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„Stern“ läßt polnische Schwarzarbeiter loben. Drucken E-Mail

"Lieber den Polen als dem Staat"

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Mit deutschen Handwerkern hätte das Hamburger Ehepaar P. seine Villa nie sanieren können. Zu teuer. Also heuerten sie einen "Polentrupp" an. Dem stern schildern Ulrike und Jochen P. ein Stück alltäglicher Schwarzarbeit:

 "Wir haben vor drei Jahren unser Haus in einer Zwangsversteigerung erworben. Ohne großes Nachdenken. Ohne es vorher richtig gesehen zu haben. Wir dachten, wir hätten ein Schnäppchen gemacht. Unsere Idee, gleich einzuziehen, konnten wir vergessen. Der vorherige Eigentümer wollte nicht raus, und es hat fünf Monate gedauert, bis die Zwangsräumung durchgesetzt war. In der Zeit mussten wir weiter die Miete unserer alten Wohnung bezahlen, dazu Strom und Wasser für das neue Haus.

Unsere Kalkulation lief total durcheinander, Ulrike war hochschwanger, und dann haben wir das Haus das erste Mal komplett von innen gesehen. Es war nicht mehr als ein Rohbau: die Wände unverputzt, es gab keine Türen. Die Dusche fehlte, der Fußboden im Keller war nicht gefliest. In den Wänden waren riesige Löcher. Im Wohnzimmer hingen Kupferkabel von der Decke. Am Tag der Übernahme standen wir also da - mit einem halbfertigen Haus, wenig Geld und einem Baby im Anmarsch. Wir hatten noch vier Wochen bis zur Geburt. Bis dahin wollten wir das Haus fertig haben, wir mussten ja aus der alten Wohnung raus. Die Rettung kam von einem Freund, der sagte: ,Ihr braucht Handwerker, die zuverlässig, billig, kompetent und vor allem schnell sind - und euch nicht übers Ohr hauen." Er gab uns die Handynummer eines Polen.

Wir wussten, dass wir drauf und dran waren, etwas Illegales zu machen. Aber wir hörten von Freunden, dass sie das Renovieren schwarz erledigen lassen. Wir trafen uns mit dem Polen. Schon beim ersten Gespräch merkten wir, dass er der Richtige war. Er ist durchs Haus gegangen, hat klar gesagt, was möglich ist, was nicht. Er hatte genügend Polen an der Hand, die nur zum Arbeiten hergekommen waren. In den nächsten vier Wochen arbeiteten zwischen einem und sieben Polen gleichzeitig in unserem Haus. Freundliche Männer, zwischen 35 und 45, absolut unauffällig. Sie kamen meist zu Fuß, und wenn sie mal ein Auto dabeihatten, stellten sie es 500 Meter entfernt ab. Sie waren top angezogen, ihre Kleidung haben sie erst im Haus gewechselt. Sie kamen versetzt, in Halb-Stunden-Abständen. Das waren Profis.

Unsere größte Sorge waren die neuen Nachbarn. Denunzianten lauern überall. Steuerfahnder mit Ferngläsern auch. Und wer wusste schon, welche Racheakte der Vorbesitzer plante. Wir waren beruhigt, als die Polen sogar die Fenster abklebten. Ihren Fernseher haben sie nur in fensterlosen Räumen angemacht. Einige der Arbeiter haben im Haus geschlafen. Wenn wir tagsüber vorbeikamen, hat man davon fast nichts gesehen. Es standen kleine Taschen in den Ecken, die Schlafsäcke wurden morgens eingepackt. Alles für die schnelle Flucht bereit. Der Bierkasten, den wir am ersten Tag ins Esszimmer gestellt hatten, blieb bis zum Schluss unberührt.
Es ging morgens um halb neun los, und als wir ein paar mal spätabends vorbeischauten, standen die immer noch auf der Leiter. Zwölf Stunden Arbeit am Tag waren normal, die Sieben-Tage-Woche sowieso. Nur einmal in den vier Wochen haben sie sich einen freien Abend gegönnt.

Die Arbeitsteilung war klar: Morgens haben wir uns eine Liste geben lassen und das Material eingekauft. Unser Kontaktmann hat Spezialisten rangeholt: einen, der den Fußboden abzog. Einen, der ihn schliff und lackierte. Einen, der die Malerarbeiten ausführte. Und einen, ein Automechaniker, der sich selbst beigebracht hatte, wie man Fliesen legt. Als wir nach vier Wochen die Arbeiten abnahmen, hatten wir nichts zu beanstanden. Die Koordinierung unseres polnischen Kontaktmannes war die Leistung eines Architekten. Ohne ihn hätten wir selbst nach Angeboten suchen müssen: Fliesenleger, Maler, Zimmermann, Elektriker, Klempner. Das hätten wir in vier Wochen nie geschafft.
Nur einmal hatten wir einen deutschen Handwerker im Haus: Er sollte uns die Dusche einbauen, einen Heizkörper installieren und Rohre verlegen. Unser Problem war: Was macht der Mann, wenn er im Haus auf die Schwarzarbeiter trifft? Deshalb haben wir ihn unverblümt gefragt, ob er nicht auch auf die Steuer verzichten könnte. Skrupel hatten wir schon längst verloren. Er hat uns zehn Prozent seiner Kosten unversteuert berechnet - damit hatten wir ihn im Boot: Wenn er uns beim Finanzamt hätte hinhängen wollen, hätten wir auch was gegen ihn in der Hand gehabt.

Wir haben insgesamt 60.000 Euro ausgegeben, rund 15.000 Euro gingen an die Polen. Die haben wir nach Stundenlohn bezahlt - einheitlich zehn Euro. Ein deutscher Handwerker hätte etwa 40 Euro gekostet. Wir fanden, dass unser Geld bei unseren polnischen Helfern besser aufgehoben ist als beim Finanzamt. Die meisten von ihnen waren arme Bauern, einer hatte ein behindertes Kind zu Hause und sparte Geld für dessen Operation. Man kann uns vielleicht vorwerfen, dass wir unserem Staat gegenüber nicht loyal sind. Dafür haben Menschen Geld bekommen, die es dringend brauchen."

Stern/Martin Knobbe/23.08.2006

 
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