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Polens Fußball: Erfolglos, korrupt und im Griff der Wettmafia

Das polnische Boulevardblatt Fakt meldete Anfang der Woche in großer Aufmachung: ,,Endlich - Listkiewicz tritt zurück!‘‘ Doch Michal Listkiewicz, Präsident des polnischen Fußballverbandes PZPN, dementierte umgehend. Seit mehr als einem Jahr steht der frühere Uefa-Schiedsrichter, der sich am liebsten mit dicker Zigarre fotografieren lässt, heftig in der Kritik. Die Medien werfen ihm vor, korrupte Seilschaften zu decken, einen Schiedsrichterskandal zugelassen zu haben, und bei all den Kulissenschiebereien, die ihm unterstellt werden, seine Hauptaufgabe außer Acht zu lassen: den Erfolg der Nationalmannschaft.

Das polnische Boulevardblatt Fakt meldete Anfang der Woche in großer Aufmachung: ,,Endlich - Listkiewicz tritt zurück!‘‘ Doch Michal Listkiewicz, Präsident des polnischen Fußballverbandes PZPN, dementierte umgehend. Seit mehr als einem Jahr steht der frühere Uefa-Schiedsrichter, der sich am liebsten mit dicker Zigarre fotografieren lässt, heftig in der Kritik. Die Medien werfen ihm vor, korrupte Seilschaften zu decken, einen Schiedsrichterskandal zugelassen zu haben, und bei all den Kulissenschiebereien, die ihm unterstellt werden, seine Hauptaufgabe außer Acht zu lassen: den Erfolg der Nationalmannschaft. In der Tat war der Sommer 2006 alles andere als erfreulich für den PZPN. Die liberale Gazeta Wyborcza, die größte Zeitung des Landes, gab einer Bilanz den deprimierenden Titel: ,,Der polnische Fußball auf dem Totenbett.‘‘ Da war zunächst die Pleite bei der WM in Deutschland: mit zwei Niederlagen in der Vorrunde sang- und klanglos ausgeschieden, wie schon vier Jahre zuvor. Der strenge Trainer Pawel Janas und auch die Presse hatten zuvor hohe Erwartungen geweckt: Das Halbfinale sollte es sein, wie schon 1974, als die Weiß-Roten mit Torjäger Grzegorz Lato überraschend Dritter wurden, oder wie 1982, als sie, angetrieben von dem rothaarigen Feuerkopf Zbigniew Boniek, diesen Erfolg wiederholten. Janas ist noch während der WM zurückgetreten, seinen Platz nimmt nun der holländische Erfolgstrainer Leo Beenhakker ein, der erste Ausländer als Trainer der Weiß-Roten. Beenhakker hatte zuletzt die Kicker von Trinidad und Tobago trainiert, die bei der WM munter mitgespielt haben. Davor war er Nationaltrainer Saudi-Arabiens und der Niederlande, mit Real Madrid war er dreimal spanischer Meister. Beenhakker verpatzt den StartDoch Beenhakkers Start mit den Polen war deprimierend: Eine 1:3-Heimniederlage gegen die als schwächer eingestuften Finnen sowie ein mageres 1:1 gegen die Serben in der EM-Qualifikation. Der Niederländer sagte ganz offen, für ein Land von fast 40 Millionen Einwohnern müsste Polen eigentlich mehr Spieler von europäischem Format hervorbringen, als er zur Verfügung habe. Eigentlich gibt es derzeit nur einen: Artur Boruc, den Torwart von Celtic Glasgow, der mit seinen Paraden im legendären Dortmunder WM-Gruppenspiel die Klinsmänner fast zur Verzweiflung brachte und erst in der Nachspielzeit von Oliver Neuville bezwungen wurde.
Nicht minder enttäuschend als die Nationalmannschaft starteten Wisla Krakau und Legia Warschau, die beiden stärksten Klubs des Landes, in die europäischen Wettbewerbe. Vor zehn Jahren hatte Legia die Endrunde der Champions League erreicht, damals trainiert von Pawel Janas. Doch seitdem sind alle polnischen Vereine in den Vorrunden ausgeschieden. Wenig spricht dafür, dass es dieses Jahr anders kommen könnte.Das größte Problem des PZPN aber ist der Bestechungsskandal, der die Medien seit Monaten beschäftigt. Mittlerweile wurden von der Staatsanwaltschaft 32 Personen festgesetzt: 15 aktive und drei ehemalige Schiedsrichter, neun Klubvertreter, zwei Beobachter des PZPN und drei Spieler des Zweitligaklubs Piast Gleiwitz (Gliwice). Einer der Verhafteten hat gestanden, dass alle Zweitligaspiele, die er in den letzten zwei Jahren gepfiffen hat, verschoben wurden. Er habe Geld nicht nur von Klubs, sondern auch der Wettmafia erhalten.Die Uefa droht der RegierungLängst erstrecken sich die Ermittlungen auch auf das Fußball-Oberhaus, die Extraklasse. Hier sorgte der frühere Präsident von GKS Kattowitz (Katowice), Piotr Dziurowicz, für einen Skandal: Er erklärte nämlich, dass sich auch viele Spitzenklubs an Manipulationen beteiligt hätten. Besonders scharf griff er PZPN-Präsident Listkiewicz an. Doch Beweise konnte er nicht vorlegen. Ein Teil der Medien sah seinen Angriff als Racheakt. Denn Listkiewicz hatte Dziurowiczs Vater Marian, den langjährigen PZPN-Präsidenten, aus dem Amt gedrängt. Der mittlerweile verstorbene Marian Dziurowicz hatte seinen Aufstieg noch unter dem Parteiregime geschafft, die Presse nannte ihn den ,,Paten des polnischen Fußballs‘‘. Er und seine Seilschaft sollen Werbe- und Sponsorengelder auf eigene Konten geleitet haben.Die desolate Lage des polnischen Fußballs beschäftigt längst auch die nationalkonservative Regierung in Warschau. Wiederholt haben Minister die Absetzung des PZPN-Präsidiums und die Einsetzung eines Kommissars angedroht, der den Verband bis zu einem außerordentlichen Kongress führen solle. Doch dagegen erhebt die Uefa Einspruch: Sollte die Regierung sich in die Verbandsangelegenheiten einmischen, so werde Polen aus dem Kontinentalverband ausgeschlossen. Dies würde auch bedeuten, dass keine weiteren Spiele für die EM-Qualifikation mehr ausgetragen würden. Die EM-Endrunde als Ziel steht ausdrücklich in Beenhakkers Vertrag. Nun wird ein starker Mann gesucht, der die alten Seilschaften im PZPN zerschlägt und den Verband wieder auf die Beine bringt. Zwei Namen werden genannt: Grzegorz Lato und Zbigniew Boniek. Lato war in der letzten Legislaturperiode Senator für das damals regierende postkommunistische Linksbündnis. Boniek war kurz mal Nationaltrainer, gab aber nach fünf erfolglosen Spielen genervt auf. Ansonsten ist er erfolgreicher Geschäftsmann, unter anderem handelt er mit Übertragungsrechten. Doch die beiden Altstars haben abgewinkt.

Süddeutsche Zeitung/Thomas Urban/ds/20.09.2006

 
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