Home
Der wahrhaft polnische Charakter Drucken E-Mail

Bildungsbehörde zieht gegen Vaterlandslose und gegen Darwin zu Feld

Im Land zwischen Oder und Bug droht außer anhaltender »durchleuchtender Hexenjagd« eine »Kulturrevolution« aufzuziehen. Die Rolle des »Kulturträgers« übernahm Vizepremier Roman Giertych.

Von Julian Bartosz, Wroclaw

In seiner Eigenschaft als Bildungsminister ist Roman Giertych entschlossen, der polnischen Schule einen »wahrhaft polnischen Charakter« zu verleihen. Die Schule müsse endlich aufrichtige Patrioten erziehen, deswegen sei ein neues Fach »Patriotische Erziehung« einzuführen. Was den jungen Menschen in diesem Unterricht beigebracht werden soll, habe ein neues »Wissenschaftliches Institut« zu ergründen und anschließend in die Lehrprogramme aufzunehmen. Für dieses Programm gab Giertych höchstpersönlich auch schon einige Weisungen.

Die Werke eines Witold Gombrowicz etwa, der von 1939 bis zu seinem Tod 1969 im Ausland lebte, solle man aus der Liste der Schullektüre streichen, denn – so Giertych – darin werde das polnische Volk lächerlich gemacht. Dagegen müsse die Trilogie von Henryk Sienkiewicz (1846-1916), die das bewegte 17. Jahrhundert mit den polnischen Siegen über Schweden, Kosaken und Tataren beschreibt, unbedingt zur Pflichtlektüre zählen. Wer diese Trilogie nicht kennt, der könne unmöglich ein Patriot sein. Polnische Geschichte sei getrennt von der Weltgeschichte zu unterrichten, denn nur so könne sie in ihrer Großartigkeit dargestellt werden.

Der seit über ein Jahr amtierende Bildungsminister hat die Öffentlichkeit bereits mit vielen anderen Ideen beglückt. Allen, die bei der Reifeprüfung 2006 »nur knapp« durchgefallen waren, gewährte er eine »Amnestie« und ordnete an, ihnen das Reifezeugnis auszustellen. Kürzlich zum Lehrertag versetzte er den ganzen Berufsstand ins Staunen. Den besten Lehrerinnen und Lehrern wird an diesem Tag traditionell eine »Medaille der Kommission der Nationalen Bildung« (so hieß Ende des 18. Jahrhunderts das erste Bildungsministerium in Europa) verliehen. Doch Giertych strich von der etwa 3000 Personen umfassenden Auszeichnungsliste 280 Namen von Mitgliedern des Polnischen Lehrerverbandes ZNP. Der hat zwar eine über 100-jährige Tradition, doch nach Giertychs Meinung handelt es sich um eine »kommunistische Organisation«. Und in der IV. Republik dürften nur Menschen ausgezeichnet werden, die nicht der Partei angehört haben.

All dies erscheint indes im Vergleich zu den neuesten Verlautbarungen aus dem Bildungsministerium als Lappalie. Vizeminister Miroslaw Orzechowski ließ in mehreren Interviews wissen, dass die »Evolutionstheorie von Charles Darwin eine Lüge ist, bestenfalls ein Irrtum, der als verpflichtende Wahrheit legalisiert wurde«. Dies müsse geändert werden. Es gelte, die Schüler im Biologieunterricht mit der »Lehre« des Kreationismus, eines »intelligenten Projekts« (wie es in der Bibel steht), bekannt zu machen. Orzechowski berief sich dabei auf die Meinung von Maciej Giertych, dem Vater des Ministers, der vor etwa drei Wochen im Europäischen Parlament einen Vortrag darüber gehalten und damit allgemeine Heiterkeit ausgelöst hatte. Sohn Roman verteidigte ihn mit dem Hinweis darauf, dass sein Vater als Professor der Genetik (faktisch ist er Forstwissenschaftler) kompetent sei.

             

Alle möglichen naturwissenschaftlichen Institutionen, die Polnische Akademie der Wissen-schaften, Lehrstühle von Universitäten und die Lehrerschaft taten diese Auslassungen als unmögliche Scharlatanerie ab. Selbst katholische Naturphilosophen von der Katholischen Universität in Lublin und der Päpstlichen Theologieakademie in Kraków protestierten. Sie verwiesen auf den Brief Johannes Pauls II. an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften vom 26. Oktober 1996, in dem die Evolutionstheorie nicht mehr als ganz falsch, sondern als im Einklang mit der Schöpfung stehend bezeichnet wurde. Auf die »Argumente« hiesiger »Kreationisten«, es sei doch undenkbar, dass der Mensch vom Affen abstamme, antwortete die satirische Wochenzeitung »NIE«, manche Leute hätten freilich auch den Esel zum Vorfahren. Prof. Tadeusz Iwinski, der von Premier Jaroslaw Kaczynski die sofortige Entlassung von Staatssekretär Miroslaw Orzechowski gefordert hatte, sagte gegenüber dem ND-Korrespondenten, nach inoffiziellen Informationen aus dem Bildungsministerium werde der Mann auf Verlangen von Roman Giertych im Amt bleiben. Fast 70 Prozent der Polen sind empört, aber wahrscheinlich wird der Fluch des Blöden weiterhin über unserer Bildungsbehörde lasten.

Julian Bartosz, geboren 1934 bei Krakow, beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der Problematik der deutsch-polnischen Beziehungen. Er ist Historiker und Journalist. Von 1955 bis 1957 arbeitete er in der in Wroclaw/Breslau erschienenen deutschsprachigen "Arbeiterstimme", anschließend leitete er die "Gazeta Robotnica". Seit 1990 Mitarbeiter verschiedener polnischer und deutscher Zeitungen.

27.10.2006

 
< Zurück   Weiter >
(C) 2020 www.polentoday.de
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.