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Polen besser nicht mit Nachnamen anreden

Von Ullrich Umann und Heiko Steinacher, bfai

Die deutsch-polnischen Beziehungen entwickelten sich in der Vergangenheit nicht immer konfliktfrei. Daher kommt es bei Verhandlungen mit Geschäftspartnern aus Polen auf Feingefühl an. Gerade bei älteren Einwohnern Polens flackern gelegentlich noch gewisse Ressentiments auf. Schon bei der Begrüßung kann der Deutsche ins Fettnäpfchen treten.
Ausländischen Besuchern fällt das ausgeprägte Geschichtsbewusstsein der polnischen Gesellschaft bereits unmittelbar nach Ankunft auf. Die Architektur vieler Städte ist auffällig geprägt durch Gedenktafeln, Denkmäler, sorgfältig wieder errichtete historische Gebäude, Altstädte und Marktplätze. In offiziellen Gesprächen wird bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit der geschichtliche Bogen bis in die Neuzeit gespannt und darauf verwiesen, dass die Menschen in Polen einen bedeutenden Beitrag zur Überwindung der Spaltung Europas leisteten. In diesem Zusammenhang wird gern der Fall der Berliner Mauer mit den Streiks 1980 in der ehemaligen Danziger Leninwerft in Verbindung gebracht.

Die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen basieren auf einen soliden Fundament. Gelegentliche politische Irritationen schlagen in keiner Weise auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ebene durch. Dennoch sollten sich Geschäftsreisende und Besucher aus Deutschland darüber im Klaren sein, dass die gemeinsame Geschichte beider Völker nicht immer konfliktfrei verlief. Gerade bei älteren Einwohnern Polens flackern gelegentlich noch gewisse Ressentiments auf. Zurückhaltung und äußerstes Taktgefühl ist den Gästen in diesen Fällen anzuraten.

Persönliche Beziehungen zur sogenannten Nachkriegsgeneration lassen sich relativ leicht aufbauen. Kritische Äußerungen zu Land und Leuten sollten trotzdem - wenn überhaupt - sehr wohl dosiert und gut begründet werden. Zwar ist ein gewisser Abstand zu den Geschehnissen und Zuständen im eigenen Land den Polen durchaus nicht wesensfremd. Doch ist den Menschen auch bekannt, dass im Ausland immer noch viele Klischeevorstellungen über Polen kursieren.

Nach einer gewissen Zeit, in der sich gegenseitiges Vertrauen herausgebildet hat, sowie bei länger anhaltenden Geschäftskontakten schlägt die polnische Seite für gewöhnlich völlig von selbst kritischere Töne zum eigenen Land an. Ausländer, die schon eine gewisse Zeit in Polen leben oder das Land oft bereist haben, werden als durchaus kompetente Gesprächspartner angesehen, deren Meinung geschätzt und gefragt ist. Sachkunde zu aktuellen und historischen Ereignissen spielt dabei in den Gesprächen eine herausragende Rolle. Individualität, tief empfundener katholischer Glaube sowie ein aus der Geschichte begründeter Patriotismus sind in der polnischen Werteskala hoch angesiedelt.

Die Umbrüche nach dem Sozialismus haben in der Mentalität der Menschen Spuren hinterlassen.

Damit ist nicht die mancherorts aufkommende Nostalgie nach den bescheidenen, dafür aber scheinbar sozial sicheren Vor-Wende-Zeiten gemeint, denn insgesamt überwiegt der Wille, Neues zu schaffen. Trotzdem taucht hier und da die Frage auf, ob nicht parallel zum westlichen Geschäftsgebaren altbewährte Methoden zur wirtschaftlichen oder politischen Zielerreichung hilfreich seien.

Dazu zählt unter anderem, Abmachungen vorrangig mit Vertrauten auszuhandeln. Bei Freunden und Bekannten wird von vornherein Fairplay und Kontinuität unterstellt. Eventuell auftretende Probleme ließen sich dann einfacher und vor allem auf informellem Wege lösen, so die Meinung. Ausgefeilte, "wasserdichte" Verträge werden im Geschäftsleben zwar durchaus als wichtig erachtet. Trotzdem liegen sie in der Rangliste etwas hinter dem ungeschriebenen Beziehungskodex, der gegenseitiges Vertrauen als das Entscheidende ansieht. Ganz anders der Umgang mit Behörden. Die öffentliche Verwaltung legt hohen Wert auf eine genaue Einhaltung der Verwaltungswege und ein penibles, korrektes Ausfüllen von Formularen. So mancher Formfehler brachte Projekte bereits ins Schwanken.

Aus der Vor-Wende-Zeit stammen zudem die nach traditionellem Muster aufgebauten Hierarchien in allen Zweigen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Unternehmen und öffentliche Verwaltung sind keine Ausnahmen. Flache Entscheidungsebenen und das Delegieren weit reichender Kompetenzen werden nicht einmal in allen Niederlassungen westlicher Unternehmen praktiziert, noch weniger in rein polnischen Firmen. Selbst in mittleren Führungsebenen läuft ohne Rückversicherung nach oben so gut wie nichts, auch nicht in Ermessensfragen innerhalb des zugewiesenen Kompetenzbereiches.

Bei Zuständigkeitsfragen kann somit von mehr oder weniger klaren Verhältnissen ausgegangen werden. Das gleiche trifft für die personelle Kontinuität nicht unbedingt zu. Eine hohe Fluktuation der Mitarbeiter gehört zum täglichen Brot der Personalchefs. Wenn es darum geht, bei einer anderen Firma selbst eine nur geringfügig besser bezahlte Tätigkeit aufzunehmen, ist die Entscheidung schon vorweggenommen.

Da gut ausgebildete und vor allem erfolgreiche Manager in einigen Branchen rar sind, bemühen sich die Wettbewerber diese mit guten Angeboten abzuwerben. Erleichternd wirkt dabei, dass ein häufiger Wechsel des Arbeitgebers sich in Personalbögen auf keinen Fall negativ auswirkt. Ganz im Gegenteil werden dadurch vielfältige Erfahrungen und ein ambitioniertes Auftreten signalisiert.

Direkte Anrede mit dem Nachnamen gilt als herabwürdigend

Höflichkeit und gegenseitige Ehrerbietung prägen das Erscheinungsbild der polnischen Gesellschaft, wozu auch der angedeutete Handkuss zur Begrüßung und Verabschiedung von Damen gehört. Die Herren begrüßen und verabschieden sich per Handschlag.
Bei offiziellen Anlässen schreitet der ranghöchste Vertreter einer Delegation voran und begrüßt zunächst den ranghöchsten Gast. Anschließend werden die weiteren Delegationsmitglieder vorgestellt und begrüßt. In Deutschland dürften sich nur noch ältere Leute an ähnlich zuvorkommende Zeremonien und Umgangsformen aus ihrer Kindheit erinnern.

Zu beachten gilt, dass die direkte Anrede mit dem Nachnamen in Polen als herabwürdigend oder gar provozierend empfunden wird. Sie demonstriert großen sozialen Abstand. Personen gleichen Ranges benutzen einfach das Wort Pan (Herr) bzw. Pani (Frau) oder fügen noch den Vornamen hinzu. Um dem Partner seine Hochachtung zu demonstrieren, empfiehlt sich die Anrede mit Titel, wobei dieser Begriff sehr weit gefasst sein kann (zum Beispiel kierownik - Leiter, dyrektor - Direktor, prezes - Vorsitzender). Dabei gilt als Faustregel, alle Titel noch oben "aufzurunden", so dass ein Staatssekretär durchaus mit Panie Ministrze angesprochen werden kann.

Bei Gesprächen und Verhandlungen sollte neben der eigenen Sachkenntnis auch die Fähigkeit demonstriert werden, zuhören zu können. Hier gilt die Grundregel, nur das zu sagen, was wirklich notwendig ist und nicht in ein Monolog über Nebensächlichkeiten zu verfallen.

Da in Polen im Vergleich zu Deutschland Emotionen eine größere Rolle auch im Geschäftsleben spielen, sind die Gäste mit einem offenen, aber dennoch bescheidenen Auftreten immer gut beraten. Die Körpersprache sollte die Offenheit unterstreichen, beim Sprechen können die Hände das Gesagte durch Gesten untermalen.

Auf solide Kleidung, Pünktlichkeit und Akkuratesse legen Personen des öffentlichen Lebens und Wirtschaftsvertreter großen Wert. Verspätungen werden zwar toleriert, doch sollte ein wichtiger und schlüssiger Verhinderungsgrund genannt werden, wozu aber auch verstopfte Straßen, Baustellen und unverhoffte Umleitungen in den Großstädten zählen können. Während die Zeit des Beginns einer Verhandlung oder aber auch eines informellen und privaten Treffens - nach Möglichkeit - fest eingehalten wird, trifft das für deren Schlusszeiten nicht unbedingt zu.

Bei der Suche nach einem geeigneten Geschäftspartner bietet die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer (DPIHK) vielfältige Unterstützung an: zum einen direkt im Rahmen ihrer Marktberatung, ferner durch Adressen- und Kontaktvermittlung, Unterstützung bei Verhandlungen und Beratung durch Fachkräfte (
http://www.ihk.pl). Dabei arbeitet die Abteilung Markt- und Rechtsberatung nach dem Prinzip "One-stop-shop": Deutsche Firmen, die in Polen aktiv werden wollen, können dort alle Dienstleistungen aus einer Hand bekommen.

Weitere Anlaufstellen sind die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (
http://www.fwpn.org.pl) und die Deutsch-Polnische Wirtschaftsförderungsgesellschaft ( http://www.twg.pl). Auch die Marschallämter in den Woiwodschaften, regionale Entwicklungsagenturen und Kammern sowie Wirtschaftsabteilungen vieler Stadtverwaltungen bieten verschiedene Hilfen an, allerdings sind polnische Sprachkenntnisse dabei oft hilfreich. Diese Auflistung ist aber nur exemplarisch.

Bei der ersten Begegnung mit polnischen Geschäftspartnern machen sich die Unterschiede zu den Umgangsformen in Deutschland - abgesehen vom formal sehr höflichen Auftreten - nicht unmittelbar bemerkbar. So werden auch in Polen Visitenkarten, kleine Präsente, farbige Firmenpublikationen etc. gern und gleich zu Anfang vergeben. Auch bei der Wahl der Kleidung unterscheiden sich polnische Firmenchefs nicht von ihren deutschen Counterparts. Selbst an den rollenden Statussymbolen, den Autos, prangen lediglich andere Nummernschilder.

Fehlen Sympathiewerte, kann der Lieferauftrag schnell an die Konkurrenz gehen

Unterschiede sind dennoch vorhanden - sie sind nicht vordergründig, und daher umso schwieriger in der Wahrnehmung. Wird dies nicht bedacht, können kleine Fehler großen Schaden anrichten, den es anschließend mühsam und zeitintensiv wieder zu beheben gilt. Fehlen Sympathiewerte, kann der Lieferauftrag schnell an die Konkurrenz gehen.
Im Tonfall ist Zurückhaltung stets anzuraten. Überschwängliche Fröhlichkeit und ein zu forsches "kumpelhaftes" Auftreten wirken ebenso befremdlich wie Überheblichkeit. Die Etikette verlangt eine gewisse Karenzperiode, in der eher kleine Gesten eine große Rolle spielen. Gute Manieren sollten aber durchaus offen demonstriert werden.

Für die Auswahl der Lokalitäten für die ersten Treffen gilt, dass diese nicht unbedingt zu den teuersten und elegantesten gehören müssen. Vorrangig sollte auf die Zweckmäßigkeit geachtet werden. Das Ambiente sollte dazu beitragen die gegenseitige Annäherung der frisch gebackenen Geschäftspartner zu erleichtern.

Eine ruhige Atmosphäre, in der Gespräche ungestört verlaufen können bietet sich eher an, als die Hektik und der Lärmpegel einer Tanzbar oder eines gut besuchten Brauhauses. Für die Phase des Kennenlernens sollte zudem viel Zeit eingeplant werden, da das Zeitgefühl in Polen ein anderes ist als in Deutschland. Führungskräfte arbeiten Abends meist länger und wenn es das Geschäft verlangt, auch am Wochenende. Daher könnte ein wiederholtes "Auf-die-Uhr-schauen" Irritationen hervorrufen.

Geschäftsessen finden in dafür geeigneten Räumlichkeiten statt.

In Restaurants werden entweder Separees bevorzugt oder Tische, die weit entfernt von Türen in einer ruhigen Ecke stehen. Dem Gast wird dabei in der Regel der Platz angeboten, von dem aus das Geschehen im Restaurant am besten verfolgt werden kann. Auf keinen Fall wird er mit dem Gesicht zur Wand platziert.

Bei Speisen und Getränken haben sich, vor allem in den Großstädten, die meisten Gastronomiebetriebe internationalen Standards angepasst. So hat man vielerorts die selbstverständliche Wahl zwischen ausländischen und typisch polnischen Restaurants. Die polnische Küche bietet eine Reihe regionaler Spezialitäten, die aber meist nur in der entsprechenden Region zu finden sind.

Inzwischen hat sich weitgehend durchgesetzt, dass sich jeder Gast sein Menü anhand der Speisekarte selbst zusammenstellt. Der Genuss alkoholischer Getränke gehört nicht mehr zur Pflichtkür. Generell haben ein gutes Bier oder ein erlesener Wein das frühere obligatorische Wodkatrinken abgelöst. Aber auch alkoholfreie Getränke, etwa Mineralwasser, werden inzwischen bei geschäftlichen Essen gern gereicht.

Die Sitzordnung orientiert sich bei offiziellen Anlässen, vor allem wenn die Teilnehmerzahl relativ hoch ist, an den üblichen protokollarischen Vorschriften. Trinksprüche auf den Gastgeber oder Gast sollten während der warmen Hauptmahlzeit unterbleiben. Bessere Zeitpunkte sind der Beginn eines Essens, auf dem in kurzen Worten der derzeitige Stand der Verhandlungen oder der Geschäftsbeziehungen umrissen wird, oder das Ende, an dem noch einmal der Dank des Gastgebers für das Erscheinen der Gäste und der Dank der Gäste über die Einladung zum Ausdruck gebracht werden. Wichtig ist ebenfalls, Mobiltelefone auszuschalten.

Die Bezahlung von Geschäftsessen übernimmt in jedem Fall der Einladende.

Üblich sind Trinkgelder in Höhe von 10% des Rechnungspreises. Geschäftliche Mittagessen finden zu ähnlichen Zeiten wie in Deutschland statt. Gewöhnlich wird für den Beginn eine Uhrzeit zwischen 12.30 und 14.00 Uhr gewählt. Der Gastgeber erscheint dabei circa zehn Minuten vor dem einberufenen Termin, um den Gast persönlich empfangen zu können.
Ein spätes Mittagessen um 15.00 Uhr ist aber auch möglich, da insgesamt die Menschen in Polen doch gern etwas später zu Tisch sitzen. Besonders abseits großer Metropolen ist dies zu beobachten. Aber auch in den Städten füllen sich die Lokale üblicherweise erst, wenn in Deutschland die Mittagszeit eigentlich schon vorüber ist.

Frühzeitiges Insistieren auf schriftliche Abmachungen irritiert

Viel an Sympathie gewinnen Geschäftsleute aus Deutschland, die ihre Polnischkenntnisse vor Ort anwenden. Dabei ist der Grad der Sprachbeherrschung nicht einmal von entscheidender Bedeutung. Allein das Bemühen, Zeit und Energie in das Erlernen dieser Sprache zu investieren, wird honoriert. Dass slawische Sprachen, und insbesondere Polnisch, für Deutsche schwierig zu erlernen sind, ist allseits bekannt. Desto mehr Respekt wird gezollt, wenn sich Ausländer verständlich ausdrücken und auch das Gesagte relativ problemlos verstehen.

Auf einen Dolmetscher ist bei Verhandlungen dennoch nicht zu verzichten, es sei denn, Deutsch und Polnisch werden parallel auf muttersprachlichem Niveau beherrscht. Dies ist bei Vertretern deutscher Firmen in Polen nicht unüblich. Deutschland verzeichnete in den vergangenen Jahrzehnten einen großen Zustrom deutschstämmiger Aussiedler aus dem Süden und Nordosten Polens. Mit Beginn der Wirtschaftstransformation kehrten einige von ihnen im Auftrag deutscher Unternehmen oder als selbständige Unternehmer zurück.
Bei der Wahl des Dolmetschers sollte auf Leistungsfähigkeit nicht nur im Grad der allgemeinen Sprachbeherrschung, sondern auch auf Sachkenntnis des Verhandlungs-inhalts, etwa bestimmter technischer Abläufe, Wert gelegt werden. Behilflich bei der Auswahl können neben der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer (DPIHK) bereits in Polen operierende deutsche Branchenunternehmen sein, die in der Regel selbst auf Übersetzer- und Dolmetscherdienste zurückgreifen.

Fremdsprachenkenntnisse sind bei älteren polnischen Managern eher rar gesät.

Doch arbeiten in renommierten Unternehmen, vor allem den Geschäftsbanken, auch nicht wenige Manager polnischer Nationalität, die jahrzehntelang im westlichen Ausland, etwa in den USA gelebt haben und sich daher völlig frei und ungezwungen in mindestens einer westlichen Fremdsprache bewegen. Junge polnische Führungskräfte haben wiederum teilweise oder ganz im Ausland studiert und sind daher ebenfalls einer oder mehrerer Fremdsprachen mächtig.

Begonnen werden Verhandlungen gewöhnlich mit eher unverfänglichen Themen, etwa mit Fragen zu den ersten Eindrücken, die der Gast in Polen gewonnen hat, zur Anreise oder Unterbringung. Erst nachdem sich beide Seiten auf dieser Basis besser kennen gelernt haben, wird die Aufmerksamkeit auf das erste Sachthema gelenkt. Wichtig im Gesprächsverlauf ist, dass die Anrede korrekt erfolgt, in der Regel unter ausdrücklicher Nennung akademischer Grade und/oder der Funktionsbezeichnung.

Die Verhandlung wird gewöhnlich locker eingeleitet, die Atmosphäre spannt sich erst bei der Behandlung der Sachthemen an, wobei die Gesichter in einen konzentrierten Ausdruck wechseln. Sobald die Grundpfeiler eines angestrebten Geschäfts gesetzt sind lockert sich die Grundstimmung aber wieder. Oft gibt dieser erste Durchbruch Anlass zu einer Zwischenpause.

Irritierend auf die polnische Seite kann ein frühzeitiges Insistieren auf schriftliche Abmachungen wirken.

Das ist der Fall wenn bereits in den ersten Verhandlungsrunden zu viel Wert auf Details und "druckreife" Formulierungen für einen angestrebten Vertragstext gelegt wird. In Polen wird Konsens weniger über formal-juristische Absicherungsmechanismen gesucht, als durch den Aufbau vertraulicher und partnerschaftlicher Beziehungen.
Typisch wäre, dass die polnische Seite einen zunächst kurz und knapp gehaltenen Vertragstext vorschlägt, der über ein bis zwei Seiten nicht hinaus geht und sich lediglich streng an die zivilrechtlichen Vorschriften hält. Kein Tabu ist es auch einzelne Vertragspunkte bis zum endgültigen Abschluss immer wieder neu zu diskutieren, selbst wenn sie bereits als fest vereinbart schienen. Dieses Verhalten birgt ein enormes interkulturelles Konfliktpotenzial: Weil ein Vertrag für den polnischen Geschäftsmann "nur" den Beginn einer Zusammenarbeit darstellt, kann er nach dessen Meinung im Zeitablauf auch geändert oder ergänzt werden. Für den Deutschen hingegen ist er eine feste Basis der Zusammenarbeit. Änderungswünsche werden deshalb oft fehlinterpretiert und beim Deutschen entsteht der Eindruck der polnische Partner wolle an diesem Fundament rütteln.

In beiderseitigem Interesse ist hier von deutscher Seite mehr Flexibilität gefragt.

Änderungswünsche von vornherein als Vertrauensbruch auszulegen, ist fatal, denn zur Vertrauensbildung ist in Polen der persönliche Respekt unerlässlich. Annerkennung führt eher zum Ziel. Polen sind hervorragend im "intelligenten Problemlösen", sie lieben es zu improvisieren und müssen nicht erst zur Kreativität ermuntert werden. Doch sind sie zuweilen sehr emotional, stolz und daher auch leicht verletzlich, was gerade in geschäftlichen Beziehungen einen behutsamen Umgang erfordert. Hierzu zählt auch eine gewisse Toleranz bei Fehlern, denn das Vorgehen erfolgt nicht Schritt für Schritt nach festgelegten Schemata.

Berufs- und Privatleben in Polen weniger stark voneinander getrennt

Mit Taktgefühl und einem dafür nötigen Beharrungsvermögen ist in einer der späteren Verhandlungsrunden dennoch eine exakte "wasserdichte" Ausformulierung des Vertrages, unter Einschluss sämtlicher Eventualitäten und Rückversicherungen, möglich, denn prinzipiell basiert das Rechtsempfinden in Polen auf den selben Grundprinzipien wie in Deutschland.

Selbst wenn die meiste Detailarbeit während der Verhandlungen Spezialisten, zum Beispiel Ingenieuren und Rechtsexperten, überlassen wurde, liegt die Entscheidungsgewalt auf polnischer Seite stets in Händen des ranghöchsten Vertreters. Nur nachdem er das entscheidende "Machtwort" gesprochen hat, gilt das Geschäft als besiegelt. Er bestimmt auch den Verhandlungsverlauf und das Tempo des Vorgehens. Grundsätzlich sollte bei Verhandlungen Konsens darüber bestehen, dass nur gegenseitig vorteilhafte Ergebnisse dauerhaften Bestand haben. Kompromissbereitschaft ist unabdingbar.

Respekt flößen dem Gastgeber neben den Bemühungen des ausländischen Gastes, die polnische Sprache zu erlernen auch umfangreiche Kenntnisse des polnischen Marktes und der Konkurrenzsituation etc. ein. Der deutsche Geschäftspartner demonstriert zudem eine solide Vorbereitung und die Fähigkeit ausgewogene Entscheidungen zu treffen.
Exzellente Geschäftsbeziehungen lassen sich nicht dauerhaft ohne den Aufbau einer Vertrauensbasis pflegen. Dazu gehört es über das Geschäftliche hinaus gemeinsame Interessen und Anknüpfungspunkte zu finden um sich gelegentlich in lockerer und entspannter Atmosphäre miteinander zu treffen. Die Familie kann in diese Aktivitäten miteinbezogen werden.

Sind Einladungen zu Geschäftsessen in Restaurants eher formeller Art, die Verhandlungen begleiten und zu deren Gelingen beitragen sollen, signalisieren Treffen in privater Atmosphäre, etwa im Haus des Gastgebers, den Wunsch nach einer Kontinuität der Geschäftskontakte und sogar einen gewissen Sympathiebonus. Zu offiziellen Anlässen erfolgt immer eine schriftliche Einladung, für private Treffen reichen dagegen telefonische oder mündliche Abmachungen aus. Der Eingeladene sollte es dabei zu keiner Zeit versäumen, der Hausherrin ein der Situation angemessenes Präsent zu überreichen, etwa in Form eines Blumenstraußes oder eines typischen Geschenks aus dem Herkunftsland des Gastes.

Der Stand der persönlichen Beziehungen lässt sich unter anderem daran ablesen, ob bei Einladungen in Privathäuser weitere Personen geladen sind und welche Art Kleidung dabei getragen wird. Grob gesagt kann man von folgendem ausgehen: je erlauchter und kleiner der Kreis, desto enger die persönlichen Bande. Ähnliches gilt für die Kleidung, die mit größerem persönlichen Abstand immer formeller ausfällt. Offizielle Empfänge mit vorgegebenem Protokoll und vielen Gästen, selbst wenn sie in Privathäusern stattfinden, sind meist unverbindlicher Natur.

Lädt der Gastgeber aber zu einem Grillnachmittag zu sich nach Hause ein, bedeutet das legerere Bekleidung und gute Beziehungen zu den Gästen. Grillen ist sehr populär und fast immer betätigt sich dabei der Gastgeber selbst als Grillmeister. Seine Kleidung ist für den Umgang mit Feuer und Grillkohle angemessen. Lautet die Einladung dagegen auf eine Cocktail-Party, ist in der Regel Personal mit dem Zubereiten und Servieren von Getränken und Speisen beauftragt. Dementsprechend wird formellere Kleidung erwartet.

Zu beachten ist, dass Berufs- und Privatleben in Polen weniger stark voneinander getrennt werden als in Deutschland. Daher ist es möglich, dass ein polnischer Geschäftspartner während eines Wochenendtreffs auf seiner Datscha plötzlich einen Stapel Papier zückt, um etwas "kurz zu besprechen", was dann einen ganzen Tag harter Arbeit nach sich ziehen kann.

Gut beraten ist der Gast, wenn er sich einige Tage nach der Veranstaltung, beim Gastgeber oder der Gastgeberin telefonisch für den gelungenen Abend bzw. Nachmittag bedankt. Dies kann auch in Form einer kleinen Aufmerksamkeit geschehen, zum Beispiel durch die Zusendung eines Blumenstraußes nebst beigefügtem Kartengruß.
Bevorzugte Sportarten unter Geschäftsleuten sind Tennis und Golf, unter Einschränkungen auch der Pferdesport und Angeln. In der Anekdote, dass ein Investment-Banker in Polen seinen Beruf verfehlt hat, wenn er nicht Golf spielt, steckt ein Körnchen Wahrheit. Die vertraulichen Hintergrundgespräche werden auf der Rasenfläche mit dem Golfschläger in der Hand, in freier Natur und entspannter Atmosphäre geführt. Zur kalten Jahreszeit kommt als Alternative ein gemeinsamer Sauna- mit anschließendem Barbesuch in Frage.

 
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